ver-rückte Welten

..fette, schwarze Wolkenwale am Himmelsstrand an Land gegangen drängen sich dicht an dicht. Beinahe kann ich sie berühren hier vom Boden aus. Der ungebrochen grüne Rasen reckt sein Kinn trotzig in die Höhe. Die Grashalme erinnern mich an von Hormonen und Unschuld und Erfahrungslosigkeit beschwingte, rebellische Jugendliche, die noch glauben (oder wissen?), die Welt aus ihren Angeln heben zu können und so trotzen sie den eingefahrenen JahreszyklusStrukturen, verneinen den Winter.

Weg

Die alten, weisen Bäume indes scheinen verhöhnt, wie sie da in Erwartung des bitteren, despotischen Gebieters Winter eiligst ihre Kleider abgeschüttelt und so stehen sie in ihrer dienstbeflissenen Übereiltheit beinahe obszön entblösst. Mit stoischem Schweigen, als wäre es ihnen egal, dass sie die einzigen sind, die brav und treu die Regeln befolgen. Nur der Trauerweide scheint es peinlich und so lässt sie beschämt ihre Astarme sinken und blickt betreten auf das Gras, welches ihr mit seinem satten Grün eine lange Nase zeigt. Die Wolkenwale spucken grauschlierige Regenspaghetti aus, die in den tiefgefurchten Rindenfalten der Baumknechte und in der monotonen Menge der Grünen-Gras-Genossen sich schleichend entschwinden.

Mein Blick folgt der ungeteerten ErdenStrasse, die erinnert an einen windenden Wurm, auf dessen Haut nasse Schwären glänzen. Das Ende des lang gestreckten Windlings entschwindet sich in graumilchiger Watte, die wiederum den Blick auf die Felder verdeckt, dafür einen Übergang zu dem Himmelsstrand bildet. Die Dimensionen scheinen aufgehoben von diesem Winter, der kein Winter ist. Die Wolkenwale sind näher, einer spanischen Galeere ähnlich zueinander gerückt, tuschelnd, grummelnd und bilden nun eine schmutzige grau-schwarze Decke, die bedrohlich herabsenkend, die Dreidimensionalität gierig verschlingt.

Weg2
„Da ist die mit dem Sockenschuss“ stellt des Gatten Söhnchen fest und zeigt auf die Dorfnärrin. Wie stets steifbeinig, als besässe sie keine Kniegelenke, stackst sie schwankend wie ein Aufziehpüppchen schnurstraks den Strassenwurm entlang. Ihr rundlicher Oberkörper verschwindet in einem daunernen Plüschkissen ohne Taille, dessen pelzbesetzte Mütze ihren Kopf grösser und ihr rundes Gesicht kleiner erscheinen lässt. Die Arme hält sie von sich gespreizt – wie eine Schlafwandlerin, die träumt.

Vielleicht träumt sie ihre Wirklichkeit? Dabei ruft sie. Einen Namen. „Sie sucht ihren Hund„, teilt der junge Mann neben mir gleichgültig mit. Jetzt und hier und in diesem Leben hat sie keinen Hund. Aber vielleicht sucht sie tatsächlich ihren Hund – in der Vergangenheit? Je weiter sie die Strasse entlang stapft, desto mehr nehmen ihre Konturen etwas groteskes an, umso anrührender wirkt sie. Ich habe das Bedürfnis zu ihr zu eilen, sie in die Arme zu ziehen, in der Raumlosigkeit ihres Verrückt-Seins einen Ankerpunkt zu setzen, eine Insel, auf der wir gemeinsam sitzen und ein bisschen Gemeinsamkeit sein können. In dem Moment möchte ich sie aus ihrer (von mir hypothetisierten) Einsamkeit in mein Leben reissen, sie an unseren Tisch und ihr ein warmes Süppchen vor-setzen. In dem Moment muss sie den Namen ihres Hundes nicht laut rufen, da er ihr zu Füssen liegt. In diesem Moment kann sie den Namen ihres Hundes leise mit ihren Fingern in sein Fell streicheln. In dem nächsten Moment rotieren ihre Arme wie Windflügel, setzen das ganze runde Windmühlenpelzpaket erneut in Bewegung. „Dreh dich kleiner Kreisel“, flüster ich stille.

weg3

 

Ihre Augen erfassen mich, ohne mich zu sehen und sie lacht dieses Lachen mit dem sie mich um Lichtjahre entfernt, aus ihrer Welt hinaus auf meinem angestammten Platz katapultiert. Es ist dieses Lachen, welches sie in ihrer eigenen Welt fesselt und sie gleichzeitig aus der unsrigen befreit. Tapfer stapfen ihre steifen Beine den Weg zurück – in den Schlamm der aufgeweichten Strasse eine Notenmelodie klitzekleiner, unsymmetrischer V.s hinterlassend. Vogelschritte. Ich erinnere den Kiwi, jenen Neuseeländischen Vogel, der nicht fliegen kann. Auch sie kann nicht fliegen, will nicht fliegen, muss nicht fliegen. Sie ist auch ohne Flügel frei.

Als sie an mir vorbeikommt ruft sie „Aaaastoooo“, als könne der eindringlich beschworene Name jemanden Unsichtbaren in die Sichtbarkeit erwecken. Und dann lacht sie ihr Lachen. Sie gluckst es. Es gluckst sich glockenhell tief aus ihrem Herzen. Und eine weite Tür schwingt auf, die mich die Schönheit der gelachten Melodie erfassen lässt.

Und ich verstehe, dass sie ihn gefunden hat. Asto. Und dass Zeit keine wirkliche Rolle spielt.

Weizen

Rubrik: Jahreszeiten, Kapitel: Als der Winter streikte, oder auch Spiegel-Welten-Reflex (Die Fotos  entstammen einem Brandenburger Herbst.)