Orlando, Albert Nobbs & Lili Elbe

1996, Köln, Student*innen-WG. Eine durchtanzte Nacht. Beschwipste Verdrehtheiten bis man sich in den frühesten Morgenstunden in der kleinen Küche versammelte. Diverse, in meiner Erinnerung Vergessene, Dany, Christian, ich. Ich mochte die WG nicht. Weder, wo sie gelegen, noch, wie sie errichtet war. Ein kalter, seelenloser Neubau. Dafür liebte ich Christinchen. Meinen homosexuellen Mitbewohner, der sich selbst als „unverbesserbare Tunte“ bezeichnete. Ich liebte auch die Parties im homosexuellen Milieu, diese Ausgelassenheit, mit der gefeiert wurde, diese satte Lust, die stets in der Luft hing und auch den Tatbestand, dass ich als eine der wenigen Frauen Zutritt hatte zu diversen nur für Männer vorgesehene Clubs. Eine Ehre, so empfand ich es und feierte inmitten dieser Männer als Frau ausgelassen und unbehelligt. Ich liebte die Fröhlichkeit, die Selbstironie, die Maskeraden, die Kostümierungen, die perlende Freude und Leichtigkeit. Davon war an jenem besagtem Morgen nichts übriggeblieben.. in der sterilen Einbauküche dieser sterilen Neubauwohnung irgendwo am unpersönlichen Rande von Köln-Nippes. Wo ich lebte, als ich mich immer mehr dem Herzen Kölns entzog. Wo ich lebte, als ich von dieser Stadt und meinem vergangenem erLeben Abschied nahm. Dort, am Rande in die Seelenlosigkeit, gelang dies. Die Abnabelung. Der Absprung. Der Abschied.

albertnobbs
Bildschirmfoto, Glenn Close als Albert Nobbs

Eine der letzten durchtanzten Kölner Nächte endete also in der Nippeser Küche. Ich lagerte kippelnd auf einem Küchenstuhl, die Beine lang gestreckt und die blanken, müden Füße auf dem Tisch abgelegt. Manieren war das. Während Christinchen – die gute Seele – für alle Rühreier und frische Brötchen richtete, saß Daniel zusammengesunken in seinem winzigen Körpermaße, schlang seine mageren Ärmchen um seinen mageren Leib, schluchzte, flüsterte, um die Stimme zu erheben und beinahe hysterisch hervor zu stoßen: „Männer, die mich lieben, sind heterosexuell.“ Wir versuchten ihn zu trösten, fanden jedoch keinerlei Zugriff auf und an seinen Kummer, der viel tiefer reichte, als wir damals verstanden. Für mich war Dany  – der uns selten, sporadisch besuchende Bekannte von Christinchen – ein sehr kleiner, zierlicher, ungemein femininer Mann. Er war ein ausgesprochen hübscher kleiner, zierlicher, femininer Mann und ähnelte der Binoche in jungen Jahren – mit seiner blassen Haut, den glühenden Augen, den schwarzen Locken, seinen anmutigen Gesten, diesem biegsamen, sinnlichen Leib und der nachlässigen, femininen Eleganz, welche stets von einem Hauch Melancholie umweht schien. Ein Freund wurde er nie, dafür war er zu kapriziös, zu unberechenbar, zu unzuverlässig, zu unbeständig, zu un(be)greifbar.  Mein Freundeskreis war bunt. Künstler, Maler, Musiker. Die Dragqueener. Die Schamanenecke. Auch die Frauenrechtlerinnen. Die Öko-Truppe um Ottmar. Die Biker… Jede-r war auf seine Art quer, jede-r hatte auf seine/ ihre Art Hunger nach Individualität und erkannt zu werden. Jede-r wollte nur Freiraum, um die Flügel aus-zu-breiten und zu fliegen… in die unendlichen Weiten einer Zukunft, die in ihrer Größe und Breite mit vielen verheißungsvollen Versprechen lockte, von denen sie kaum eines erfüllte. Wir wollten damals im Grunde alle nur eines: geliebt werden, akzeptiert werden, uns er-finden und angenommen werden – mit jenen Ecken und Kanten, die der Lebensozean bereits an unseren blutjungen Leben hinterlassen hatte. Und Dany war einer von uns. Mit seinen obligatorischen Mantren, seine Beischläfer seien heterosexuell. Waren sie natürlich nicht. Dachte ich. Dennoch fand ich es selbstverständlich, Dany mit Respekt zu begegnen und ein An-Zeichen dieses Respektes war für mich, ihn an-zu-nehmen als das/ die/ der, er sich präsentierte. Hätte er behauptet, er wäre ein Marienkäfer, nun, dann hätte ich ihn eben wie einen Marienkäfer behandelt. Dany behauptete indes eine Frau zu sein und wer, wenn nicht er, hätte die Stimme seiner Seele bilden können. Und wer bin ich, jener Seele ihr Empfinden abzusprechen… Nein, das stand nicht zur Diskussion. Dany war eine Frau. Eine nervöse, streitlustige, herrische, überreizte, unberechenbare Person.  Es schien mir, als ob er nicht wisse, wohin mit seinem Selbsthass und manisch auf der Suche sei, Ventile für die in ihm tobenden Gefühle im Außen zu finden.  Wie weit Daniels Verzweiflung möglicherweise reichte, ahne ich heute, begriff es damals jedoch nicht.

Bildschirmfoto
Bildschirmfoto, Eddie Redmayne, Lili Elbe

In einem anderen Leben, in Berlin jobbte ich tatsächlich eine Zeitlang in einem Sonnenstudio. In einem Sonnenstudio im Berliner Wedding. Nun habe ich mit Sonnenstudios ungefähr so viel zu tuen wie ein Eisbär mit der Sahara, nichtsdestotrotz sollte dieses verdammte, runtergekommene Sonnenstudio mit seinen eher überschaubar interessant gestrickten Kundinnen mein Leben einschneidend verändernde Begegnungen bescheren. Anastasia war eine angenehme Ausnahmeerscheinung im Pulk jener, unter denen ich mich stets fremd fühlte. Anastasia in ihrer Lebens-erfahrenen, souveränen Art war mir angenehmer und vertrauter als halb Berlin zusammen. Sie war so herzlich, wunder-, humorvoll, liebens_wert. Und sie sang. Wie ein Engel. Und sie war unglaublich. Unglaublich schön. „Weißt du, Liebes,“ sagte sie, wenn ich sie anschmachtete und hauchte, wie perfekt sie sei, “ mich hat nicht der liebe Gott, sondern der Chirurg nach meinen Wünschen gestaltet.“ Bevor dieser Chirurg Anastasias Kapriolen erlag und ihre Schönheit grotesken Ausmaßen wich, war sie tatsächlich perfekt. Groß, sehr groß. Über eins neunzig. Endlos lange, schlanke, schön definierte Beine. Ein göttliches Gesicht – wie gemeißelt – mit dieser edlen Nase, den strahlenden Augen, dem vollen, sinnlichen Mund. Herrliche, wogende Brüste, die sie stets präsentierte und reckte und reichte. Ich fühlte mich neben Anastasia mit meinen damals noch eher linearen 1,72 nicht nur zwergig, sondern präpubertär. Ich liebte es, wenn sie das triste Sonnenstudio betrat. Als ginge die Sonne auf. Erblickte sie mich, öffnete sie die Arme, wirbelte um ihre eigene Sohle, um dann mich – mit Leichtigkeit-  hochzunehmen und ebenfalls um sich zu wirbeln. Und dann sang sie für mich. Anastasia liebte es zu singen und in ihre Stimme legte sie all das, was sie hinter sich gelassen hatte, worüber sie nie wieder sprach, all den Seelenschmerz, den sie durchlebt hatte in ihren ersten zwanzig Jahren im Körper eines Mannes.

Jetzt war sie Frau. Sie definierte und modellierte sich von Grund auf. Sie war perfekt. Sie war perfekt bevor sie zu einer Parodie wurde. Das geschah nachdem sie sich von den Medien vorführen ließ. Ich weiß nicht, was Anastasia getrieben hatte, aber tatsächlich meinte sie, sie müsse sich bei diversen Casting-Formaten der privaten Sender bewerben. Und natürlich wurde sie genommen. Und so sah man Anastasia bei einer dieser unzähligen Musik-Casting-Shows und später bei Big Brother. Natürlich schaute ich diese Sendungen, erstmalig, letztmalig, da Anastasia an ihnen teilnahm. Nur, dass ich Anna in der Darstellung nicht erkannte. In den seltsamen Zusammenschnitten blieb kein Raum für ihre Schönheit und ihr Talent, für ihre Güte, ihren Humor, ihre Selbstironie, ihre Gewitztheit. Sie wurde vor- und ad absurdum geführt wie ein dreiköpfiges Zirkuspferd, verzerrt zur realitätsfernen Parodie ihrer Selbst. Der Bruch ihres Seelengenickes dürfte auf die Rechnung des bekanntesten Schund-und Schmieren-blattes* gehen … welches damals – während Annas Zeit in einem dieser Formate – mit verleumderischen Schlagzeilen titelte, die Big-Brother-Transe gehe in einem Berliner Bordell anschaffen… nachdem sie Anna zwangsouteten… SIE hatte sich nämlich an keiner Stelle als transsexuell zu erkennen gegeben/ geben WOLLEN.

Anna

*Bild(Sie wissen schon, jenes mit den vier weißen Buchstaben auf rotem Hintergrund, welches mir gerade per Anwalt meine vibesBILD absprechen will… und dessen Erhalt als Gratis-WurfSendung im Briefkasten ich verweigere.)

Anastasia war nicht verzückt. Weder von den Zusammenschnitten, noch von den Schlagzeilen. Erschwerender Weise lebte im damaligen Wedding nun genau das Klientel, welches Zielgruppe der Trash-Sender ist. Jede-r erkannte Anna wieder. War sie vorher eine der Wedding Sehenswürdigkeiten, kehrte sie nun als Gespött der Leute aus ihrem Ausflug in die Medienlandschaften zurück. Da hielten doch tatsächlich Autos am Straßenrand, um zu hupen, und wüste Beschimpfungen aus dem Fenster zu pöbeln. Ich hatte Anna stark und souverän, zuversichtlich, scheinbar unkaputtbar kennen gelernt. Nun erlebte ich sie von einer anderen Seite. Sie hielt den tagtäglich erfolgenden Beleidigungen, dem nicht nachvollziehbaren Hass, der ihr begegnete, nur schwer stand. Sie müsse weg, sagte sie. Irgendwohin, wo sie neu anfangen könne. Darin war Anna erprobt. Wir wollten in Kontakt bleiben. Blieben wir nicht. Das letzte was ich von ihr hörte, war, dass sie in einem irischen Bordell anschaffe. Dieses Mal stimmte es. Ich hoffe, dass es Anna gut geht, wo auch immer sie nun sein mag – und dass diese wunder- und liebe-volle, herzenswarme Seele eine Heimat und Liebe findet. Sie war so eine zauberhafte Ausnahme in einer Gesellschaft, die von Zombifizierten und Seelenlosen überflutet scheint.

Bildschirmfoto, Tilda Swinton, Orlando
Bildschirmfoto, Tilda Swinton, Orlando

An Anna und Dany erinnerte ich mich, als ich gestern „The Danish Girl“ sah. Mit Trans-Gender-tum wurde man seit Balian Buschbaum („Blaue Augen bleiben blau“) ja geradezu überschüttet. Der Entwicklungsbogen der sich seit Balians Geschlechtsangleichung von der Frau ( der Hochspringerin Yvonne Buschbaum) zum Mann über Conchita Wurst bis hin zu Caitlyn Jenner (im Vorleben: Zehnkämpfer Bruce Jenner) spann, hat eine Entwicklung mit sich gebracht, die mir nicht ausnahmslos zusagt. Sprach man früher noch von Transsexualität, dann heißt es heutzutage Transidentität und die soll bereits Kindern angeboten werden. Wenn das Thema zugängiger ist, Selbstverständlichkeit wird und Betroffenen aus ihrem Leid hilft, ist das selbstredend wünschenswert. Dennoch sollten Abweichungen nicht zur Diktatur werden. (Es muss auch okay sein, eine stinknormale Hete zu sein, die sich in ihrem biologischen Körper sehr wohl fühlt.) Generell bin ich der Meinung, dass es nur einen Menschen gibt, der darüber zu bestimmen hat, wer und wie man ist: man selber. Und das hat Akzeptanz zu finden, solange es niemandem schadet. Auch denke ich, wenn das Leben einer anderen Person, eine-n nachhaltig irritiert, dass mit einem selber etwas nicht stimmt. Da hilft nur eines: an sich selber arbeiten. Man kann sich die Welt (leider?) nicht machen, wie man will, man kann sich andere Menschen nicht entsprechend der eigenen Ecken und Kanten verbiegen, man kann nur eines: an sich selber arbeiten und hoffen, dass man in den vielen Lebensjahren halbwegs stimmig mit sich ist und dafür Akzeptanz und Liebe findet.

das war Geschwafel, Rubrik: all about nothing, nun zum Film…

„The Danish Girl“ ist das, was hier im Himmlischen Palast unter die Rubrik „Mädchenfilm“ fällt: ein wundervoller, einfühlsamer, sanfter, dicht-gewoben-er Seelen-Film, der das Leben der Lili Elbe erzählt, die  als dänischer Landschaftsmaler Einar Wegener eine der ersten Menschen war, an der eine geschlechtsangleichende Operation (in Berlin) vorgenommen wurde. Eddie Redmayne beseelt eine wundervolle Lili, großartig in seiner filigranen Zart- und Zerrissenheit und auch Alicia Vakander berührt als die Frau an Lilis Seite: die Künstlerin Gerda Wegener. Ein richtiger: Hach-Film! Samt Tränchen-Tupfen zum Schluß. Also eigentlich ein Hach-Hach-Film!

Bildschirmfoto, Eddie Redmayne, The Danish Girl
Bildschirmfoto, Eddie Redmayne, The Danish Girl

Und wer Filme in dieser  Richtung schätzt, dem/ der mag sicherlich auch „Albert Nobbs“ mit der brillanten, umwerfenden Glenn Close in der Hauptrolle und möglicherweise – einer meiner ausgesprochenen Lieblingsfilme! – das opulente Meisterwerk Orlando mit Tilda Swinton gefallen. Ich muss ja gestehen, dass ich sowohl in Glenn Close als Albert Nobbs, als auch Eddie Redmayne in The Danish Girl, wie auch Tilda Swinton in Orlando ein bißchen verliebt bin. Und nein, ich entwickele keine bisexuellen Neigungen auf meine alten Tage.. Glauben Sie mir, ich habe alles durch- und aus-gelebt, was mir in meine wirren, wilden Sinn-lichkeit-en kam. Es ist diese Zartheit hinter alledem, die Schönheit, die Fülle, vielleicht auch die Zerrissenheit, der Mut, die Wandlungsfähigkeit, das Filigrane, was und die ich bewundere.

Bildschirmfoto, Orlando
Bildschirmfoto, Orlando

Und so generell könnte man sich vielleicht weniger Gedanken darum machen, was an anderen Menschen verkehrt ist. Das Leben ist zu kurz. Zu schwer. Man sollte es nutzen, bei sich anzukommen. Haben Sie viel Erfolg dabei!

PS: sollten Sie noch wirrere Wortkonstruktionen als gewohnt entdecken, dann geht dies auf Rechnung meiner bescheuert-renitent-en Rechtschreibkorrektur, die aus halbwegs sinnvollen Vorlagen extrem bescheuerte Wortverdreher kreiert

PPS: Update Carport  – die Pfosten haben insgesamt fast 20 cm an Höhe verloren. Zum einen, weil sie zu tief ins Erdreich versenkt, zum anderen, weil sie sinnlos versägt wurden. Natürlich ist der Carport* noch immer nicht fertig gestellt (*da macht diese beknackte Rechtschreibkorrektur im übrigen Barport draus. Was, bitte, soll ein Barport sein??) Und natürlich wurde derart viel an Holz versagt, dass heute erst einmal neues gekauft werden muss. So langsam wird das ein Kleinwagen kostentechnisch… 

PMS: wie bereits an anderer Stelle erwähnt, erstreckt sich meine so hochgepriesene und image-aufhübschende Toleranz nicht auf Brandenburger Telekom-Dödel, Barport-Vollpfosten und Taxi-Hirsel, etc, ko, ph, et, u.a.. Aber bisserl was ist immer. Nicht wahr?! 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

2 × eins =