Wildes Fleisch IV: solve et coagula

Eines meiner auserkorenen Lieblingsstücke. Insbesondere diese Version vorgetragen von The Butterfield Blues Band. Born under a bad sign.

 

Born under a bad sign. Nein, ich versuche da nichts über Zwischentöne mitzuteilen. Mir gefällt einfach der Blues. Ich selber bin unter einem guten Stern geboren. Muss ich ja. Sonst hätte ich mein Leben nicht überlebt. Weitestgehend unbeschadet.

Frau Tikerschek, Frau Rosenherz und Frau Anonym per Mehl hinter-fragten die Quadrologie des Grauens:

Nun sind es für mich alte, aufgearbeitete Kamellen, wie wir kölschen Frohnaturen zu sagen pflegen. Genau genommen haben diese Sachen hier in dem Blog nichts zu suchen. Warum nicht? Nun, weil sie aus schwarzen Zeiten erzählen, weil sie von negativer Energie, Destruktivität erzählen. Weil sie meine vergangenen Tode ins Jetzt holen. Ich für meinen Teil habe festgestellt, dass man Vergangenes nie verdrängen kann. Verdrängtes wird wie eine nicht entsorgte Tüte Müll ein Eigenleben entwickeln. Und wenn diese nicht entsorgte Tüte Müll ein Eigenleben entwickelt hat, ist die Sauerei eine große. Kann sicherlich jede-r bestätigen, der die das jemals Katzenflöhe/ Motten/ Maden/ Schimmel/ Mäuse im Haus hatte.

Mit der Psyche ist es ähnlich. Solange es juckt und krabbelt und sich fremd anfühlt, ist man eben noch nicht Altlasten-frei; solange einem im Außen ständig frappierend ähnliche Situationen/ Personen/ Problematiken begegnen, erliegt man seinen hauseigenen Programmen, Konditionierungen. Das durfte ich für meinen Teil nach meinem Unfall 2013 feststellen, als mich – Dank (!) weitestgehender Isolation – die Vergangenheit in ihren jämmerlich verwesten Restbeständen einholte. Das war eine erschreckende, indes sehr heilsame Chance, die ich nutzte. Und damit ist die Geschichte für mich abgeschlossen. Insofern meine Erfahrungen indes für jemanden Positives bergen, bin ich gerne bereit, darüber zu erzählen. Darüberhinaus erzählen die Fragen von Interesse und Aufmerksamkeit. Und infolgedessen hole ich jetzt erneut aus…um Fragen zu beantworten und möglicherweise Vieles verständlicher zu machen.  Und, nein, dies hier wird niemals ein Psychoblog werden. ;)

Also, please, fasten your seatbelts, es geht ran ans Eingemachte:

Quadrounlogica Mimosae Exaggerationes Fortensis

deutscher Kurztitel: Was alkohol-kranke Eltern ihren Kindern antuen.

Ich widme diesen vierten Teil Tikerschek und Rosenherz, hoffend, Eure Fragen damit zu be-antwort-en.

divider

 

Tikerschek kommentierte: „Du hast an anderer Stelle (bei mir) geschrieben, dass Deine Mutter nicht mehr lebt und nach ihrem Tod der freie Fall für Dich begann. Das hat mich sehr erschüttert. Ich habe immer gehofft, dass mit dem Tod des Dämonen die Freiheit beginnt. Wie erklärst Du Dir das, wenn ich Dich das fragen darf? Vermisst Du sie, und wenn ja, was von ihr? Das, was sie Dir nicht gegeben hat? Bitte antworte nicht auf diese Fragen, wenn sie zu indiskret sind. Deine Offenheit im Text ermutigt mich sie zu stellen.

Nein, liebe Tikerschek. Ich vermisse sie nicht. Ganz im Gegenteil. Ich bin erleichtert, dankbar und froh, sie umfassend los zu sein. Um es verständlicher zu machen, muss ich ausholen.

Das Erlebte lässt sich nicht sezieren. Das ist wie mit dem Gänsekiel, der den Gaumen kitzelt. Dieser bringt den gesamten Magen-inhalt und nicht nur auserwählte Bröckchen ans Tageslicht.

Meine Eltern waren verhältnismäßig alt als ich das Licht der Welt erblickte. Beinahe so alt, wie ich es jetzt bin. Mit mir gerechnet hatte niemand mehr. Aufgrund diverser, abstruser Diagnosen hieß es, meine Mutter könne keine Kinder empfangen. So schlich ich mich (angeblich) als entzündete Galle in das Leben meiner Eltern und gab mich erst im sechsten Monat meines prae-irdischen Daseins zu erkennen. (Später kam eine weitere, recht logisch erscheinende Erklärvariante meiner unerwarteten Präsenz hinzu, das führt aber zu weit und ist unwesentlich.) Und – juchhe – da war die Freude gross. Tatsächlich war ich ein Wunschkind, ein wahr gewordener Traum für meine Eltern. Und das ließen sie mich spüren. Ich hatte eine wundervolle Kindheit, wuchs wild, geliebt und behütet auf. Um dem Kind – mir – eine gute Kindheit zu bereiten, zogen meine Eltern aus Köln-Marienburg mitten aufs Bergische Land. Ein großes Haus. Ein riesiger Garten. Weit und breit nichts ausser Acker, Wald und ein paar irrsinnigen Ureinwohnern. Aufmerksamen Leser*innen erschließt sich eine gewisse Parallele zu meinem Hier und Jetzt.

Es gab Großeltern mütterlicherseits, eine Großmaman väterlicherseits, Patentanten, diverse Onkel, Cousins, die mich abgöttisch liebten und mich dies spüren ließen. Ich war eine kleine Sonne in einem Universum, welches sich wohlwollend und liebevoll um sie drehte. Rückblickend denke ich, dass meine Stärke, mein Durchhaltevermögen dort – in diesem Erleben – angelegt wurden. Wenn ich meine Erinnerungen bemühe, die zu Teilen abwegig verschwommen, zu anderen Teilen wiederum bizarr klar und weit zurück reichen, war ich von klein auf ein „Papakind„. Ich empfand ihn als klarer, zuverlässiger, ehrlicher. Ich habe ihn abgöttisch geliebt und tue das noch immer. Meine Mutter war in meinen ersten Jahren indes sehr liebevoll, etwas verträumt, fröhlich, gesellig. Zuweilen etwas melancholisch und launisch, aber nichts von tragischem Ausmaß. Ihre Veränderung kam anfänglich schleichend. Später Schlag auf Schlag.

Meine Mutter war, als ihre Seele noch halbwegs präsent, ein feinsinniger Schöngeist. Sie richtete große Kinder-/ Feste aus, backte Kuchen, zauberte Obstsäfte, sang mit uns Kindern, spielte mit uns, verkleidete sich mit uns. Gerne widmete sie sich dem Garten. Rückblickend mutmaße ich, dass das Wohlstands-Proseccochen mit meiner Einschulung zum regelmäßigen Alkoholkonsum überging. Da mein Vater eine gehobene Position innehatte und für ein etabliertes Unternehmen tätig, galt es – auch in den 70igern und 80igern NRWs – noch als unschicklich, dass seine Frau arbeiten ging.Dabei erzählte meine Mutter, die gute, die liebe, jene aus meiner frühen Kindheit, gerne von ihrer Zeit als OP-Schwester. Sie hatte ihren Beruf sehr geliebt und schien ihn ernsthaft zu vermissen in ihrem goldenen Käfig (?)/ White-Lady-Dasein. Alternativ engagierte sie sich ehrenamtlich. Auch gab sie Katecheten*(*katholische Religionskunde in Vorbereitung zur katholischen Kommunion)– und Nachhilfe-Unterricht. Alle fanden meine Mutter großartig. Alle. Mein Vater und mich eingenommen.

Dass sie mir fremd, unheimlich und später gefährlich erschien, änderte sich um mein sechstes/ siebtes/ achtes Lebensjahr. Es häuften sich unschöne Vorfälle. Vorfälle, die ich nicht verstand, nicht begriff, nicht mit der mir bekannten Mutter überein bringen konnte. Später nahm ich sie als gespaltene Persönlichkeit wahr. Eine Person, die zwei, sehr unterschiedliche Gesichter besaß. Leider übernahm die negative Figur das Steuer ihres Lebensschiffes  – und damit des meinen.

  • Meine Mutter und ich stehen im Treppenhaus. Fassungslos schaut sie auf ihre Hand. Zurück auf das Treppenhausgeländer, wieder auf ihre Hand, auf mich und beginnt hemmungslos zu lachen. Der Holzbügel, mit dem sie mich schlagen wollte, hatte mich um Haaresbreite verfehlt, war an der Abschlußsäule des Treppenhaus aufgekommen und in 1000nde kleine Holzssplitter zerstoben. Sie schüttelte sich aus vor Lachen, derart erheiterte es sie. Es war das erste Mal, dass sich mir ihre Gefährlichkeit (für mich) erschloss. Mir stieß durch den Kopf, was wohl mit meinem Kopf geschehen wäre, der der verfehlte Empfänger der ihr verschickten Botschaft war. Cut.
  • In meinen ersten Schuljahren entwickelte sie ein irrsinniges Spiel. Ich kann mich an keinen handfesten Anlass erinnern, den ich geliefert hätte.. und mutmaße, sie reagierte einzig auf ihre „inneren Dämonen“. …, als sie zum Telefon schritt, eine Nummer wählte und in das Telefon fragte, ob sie richtig mit dem örtlichen Kinderheim verbunden sei. Sie machte im Reden Pausen, ihre Gestik und Mimik immer zu mir gerichtet. Ja, das wäre ja schön, sprach sie dann, und ob denn noch ein Plätzchen für ein besonders widerwärtiges Kind frei wäre. Ja, wäre es? Da wäre sie aber erleichtert. Und ob das abstoßende Blag denn abgeholt werden könne. Ja? Könnte es? Hach, da wäre sie aber froh. Und dann legte sie auf. Lachte fröhlich (!) und sagte: „Los, geh deine Sachen packen, du wirst in drei Stunden abgeholt und bis dahin geh mir aus den Augen.“ Die ersten Male war es entsetzlich für mich. Später reagierte ich routinierter, ging hoch in den ersten Stock in mein Kinderzimmer und begann zu packen. Hier erschließt sich Ihnen womöglich, wieso ich später eine Kuscheldecke samt Teddy verschnürt und einen Rucksack fertig gepackt hatte. Alles Training. Ich bin heute noch die absolute Rakete im rasenden Einpacken.
  • Langsam kamen ihre sehr unangenehmen, nicht nachvollziehbaren Fragespiele ins Spiel.  Aus heiterem Himmel zB fragte sie, ob ich verstanden hätte. „Das schreibst du jetzt noch einmal,“ schrie sie, unerwartet, entwand mir mein Schulheft, riss die mühsam beschriebene Seite heraus/ das Heft entzwei. „Hast du mich verstanden?“ „Ja“ „Ob du mich verstanden hast…“ klang es bedrohlicher. „Ja.“ Dann fing sie in der Regel bereits das Kreischen an: „Du sollst sagen, dass du es verstanden hast, verstanden hast, verstanden hast. Im GANZEN Satz. Sag das jetzt.“ „Ja, ich habe das verstanden.“ Darauf begann stets das Toben, sie schlug auf den Tisch und war vollkommen ausser sich „Du sollst sagen, dass du MICH verstanden hast.“ und so ging es weiter, weiter, bis sie weinend zusammenbrach. In der Regel schlug sie mich dabei nicht, aber sie beherrschte Blicke und Worte, die ich mehr fürchtete als ihre Schläge, die vergleichsweise harmlos, ungelenk und äußerlich nicht verletzend waren.

All dies führte dazu, dass ich sie als eine bedrohliche, unberechenbare Variable wahr nahm. Es gab keine äußerlichen Anlässe, die ich hätte beeinflussen können. Ihre Umschwünge kamen abrupt. Unerwartet. Aus dem Nichts. Ich entwickelte ungeheure Antennen, die mir heutzutage noch zu eigen sind. Wie ich bereits an anderer Stelle schrieb: ich spüre den Sturm Stunden bevor er eintritt. Im „Lesen“ von Menschen, ihren Gedanken, ihren Beweggründen bin ich hervorragend. In meiner letzten Berufstätigkeit, in der ich mit süchtigem Klientel arbeitete, erwies sich diese antrainierte Gabe als ein Segen. Im Hier und Jetzt ist es zuweilen etwas lästig, Flöhe husten zu hören. Aber man gewöhnt sich daran und es ist von Nutzen, Situationen früh und richtig einschätzen zu können.

Auf der anderen Seite versuchte meine Mutter zunehmend, mich gegen meinen Vater aufzubringen. Dies tat sie, indem sie sich mitten in der Nacht an mein Bett setzte, mich weckte und herzzerreißend weinte. Alle Welt sei so schlecht zu ihr.. und ich, ich wäre doch das Einzige, was sie habe… und ich dürfe ihr niemals weh tuen … und ich dürfe sie niemals verlassen… und ich dürfe sie niemals verraten… denn das würde ihr Kraft übersteigen. So sang sie ihr Mantra. Über Jahre. Zuweilen lachend. Meist weinend. Später ausschließlich zornig. Ich denke, immer betrunken.

Als Kind nimmt man die Mutter an, die einem gegeben. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, ihr seltsames Verhalten zu hinterfragen, oder zu überlegen, dass es nicht recht, oder eine Erkrankung ist. Das kam Jahre später und dann dank Sartre und Kafka brachial. Siehe: Tod in Venedig

Schließlich folgten zwei Jahre, in denen es tagtäglich Streit zwischen meinen Eltern gab. Sie trennten sich. Der Alkoholismus meiner Mutter war einer der Trennungsgründe. Auf diese Trennung möchte ich jetzt und hier und generell nicht eingehen. Desweiteren löste sich der bis dahin verdichtete Familienverbund auf. Erst stab die Großmaman väterlicherseits, darauf die mütterlicherseits, schließlich ihr Mann. Desweiteren verstarb meine erste, große, platonische Liebe, meine Patentante verschlug es auf einen anderen Kontinent, mit ihr die Cousins. Die Vorzeichen hatten sich grundlegend verändert. Punkt. Mit dem Weggehen meines Vaters fiel die letzte Maske meiner Mutter. Als hätte sie sich eines Korsettes entledigt. Es gab keine Grenzen, keine Skrupel, keine Bedenken mehr. Sie ergab sich in Gänze dem Alkohol. Ab meinem elften Lebensjahr bis zu ihrem Ende erlebte ich meine Mutter nicht mehr nüchtern. Es gab lediglich Abgrenzungen zwischen „erträglich betrunken“ und „besessen“. „Besessen“ war für mich jener Zustand, in dem ihre Augen bereits tiefschwarz waren und in einem Meer von Rot schwammen, wenn ihre Stimme tiefer wurde und sie sich nur noch lallend artikulieren konnte. Das war die Phase, in der sie mich als „Hure“, „Flittchen“ und ähnlich betitulierte. In diesem Zustand war sie ein Ausbund des Bösen. Während die Mutter meiner Kindheit recht katholisch und eher zurückhaltend war, mutierte die Mutter der Jugend zum einem Ausbund an Boshaftigkeit und Ordinärem. Ich kann es anders nicht beschreiben, weil mir die Worte dafür fehlen. Sie hatte Freude und sichtbaren Spaß daran, mich zu verletzen. Körperlich, psychisch. Es bereitete ihr Vergnügen und wenn ihr Tuen an mir abprallte, weckte dies ihren Zorn und Ehrgeiz. Also suchte sie immer perfidere, gemeinere, hinterhältigere Methoden. …später in meiner Studienzeit hielten wir (Kommilitonen, Freunde) oft Videonächte ab. In einer sahen wir „der Exorzist“. Das Mädchen Regan wird von dem Dämon Pazuzu besetzt. Alle waren entsetzt und erschreckt. Ich nicht. Meine Mutter schien für die Dämonenrolle die Vorlage gebildet zu haben. Gut, sie erbrach nie Ektoplasma, dafür Schaum.

…es fiel mir im Folgenden ungemein schwer, meinen bis dahin mühelos erworbenen Stand als Klassenbeste zu halten. Es ging kaum, da meine Seele und mein Geist erfüllt waren von dem grauenhaften Terror, dem Gefühl der Ohnmacht, des Ausgeliefert-Seins. Schwierigkeiten hatte ich mit Mathematik. Obwohl ich Zahlen und ihre Logik liebte – und mir das Jonglieren mit ihnen im Studium, auch der kauffraulichen Ausbildung später sehr leicht fiel. Beim Lernen für eine Klassenarbeit stieß meine Mutter permanent dazwischen. Sie störte. Absichtlich. Ich bat sie verzweifelt, sie möge sich fernhalten. Schließlich müsse ich lernen, um die Arbeit gut zu schreiben. Meine Zimmertür abschließen konnte ich nicht, da sie mir den Schlüssel entwendet hatte, also konnte sie ungestört mit ihrer Schikane fortfahren. In den folgenden Jahren tat ich so, als störe mich ihr Hineinplatzen nicht, als langweile es mich sogar. Da griff sie zu einem neuen Trick. Sie stellte sich nachts ihren Wecker im 30-Minuten-Rhythmus. Wozu? Um mich zu wecken und lachend zu verkünden: „Na, da bin ich mal gespannt wie unser Fräulein Superschlau ihre Arbeit schreibt.“ Ich schrieb mein erstes Mangelhaft. Erst lachte sie. Später setzten bittere Vorwürfe ein. Ich solle mich gefälligst zusammen reißen, mein Versagen fiele unmittelbar auf sie zurück. Und das wolle ich doch nicht, dass jemand denke, sie versage… Rückblickend hat sie alles daran getan, dass ich schulisch scheitere. Aus der Vogelperspektive dieses Rückblickes mutmaße ich, dass es ihr tatsächliches Ziel war. Jede Form der Selbst-ständigkeit meinerseits interpretierte sie als Affront gegen sich. Sie wollte das kleine, wehrlose Baby zurück, keine eigenständige, sich ab-grenz-ende Tochter. So schätze ich es zumindest ein.

Üblich war auch, dass sie mir stundenlange Vorwürfe machte. Erst weinerlich, je betrunkener sie wurde, umso ordinärer. Wäre ich ein gutes, ein liebens-wertes Kind gewesen, hätte mein Vater uns nicht verlassen. Sie wollte mich – ihr Kind – für das Scheitern ihrer Beziehung verantwortlich zu machen. Unzählige Jahre suggerierte sie es mir. Und so glaubte ich daran.

Ausgezogen bin ich mit siebzehn. Es war wahnwitzig schwierig und hat mich große Anstrengungen gekostet, aber als ich endlich auszog, mit meinem in der Kuscheldecke verschnürten Teddy und einer Matratze auf das Dach eines Autos eines Freundes gebunden, da fühlte ich mich frei. Losgelöst, glücklich, frei. Wir sangen Heroes. Von David Bowie. Und ich glaubte, die ganze Welt umarmen zu können.

David Bowie, Heroes: https://www.youtube.com/watch?v=jBuwC4VJi50

Es war aber nur der Anfang von einem langen, bitteren Ende, welches sich noch weitere dreizehn Jahre fortsetzte. Ich war 17, 174 groß und wog 46 Kilogramm. Meinen Wunsch, meine Sehnsucht nach Ordnung und Kontrolle hatte ich über meine Magersucht gesättigt. Ich war sehr krank. Sprang dem Tod wiederholt von der Schippe (zwei „Nahtod-Erlebnisse“) und lernte zu leben. Zu leben lernen, bedeutete, der Forderung meiner Mutter nach Kontakt nicht nachzugeben. Ich lernte es, den Kontakt wiederholt um Wochen, Monate, sogar einmal einmal ein ganzes Jahr abzubrechen. Mir ging es in der Zeit nicht gut genug, als dass ich ihre Nähe hätte ertragen können. Bei den wenigen Chancen, die ich ihr und mir gab, wurden diese  immer wieder missbraucht, um mich mit neuen Vorwürfen, neuen Übergriffen zu traktieren. Es riss mich in meinen Heilungsversuchen stets zurück und so lernte ich, mich zu distanzieren. Mir tat die Distanz gut. Sehr gut. Später erkrankte meine Mutter an Krebs. Leider missbrauchte sie selbst den Krebs, ausschließlich um mich zu manipulieren, mir ein schlechtes Gewissen zu machen, mich an sie binden, mich zu verletzten, zu schikanieren, fortzustoßen.

Mitten in der Nacht erhielt ich Anrufe. Jahrelang. Von meinem 17ten bis zu meinem 29ten Lebensjahr. Von ihr. Oder von einer ihrer zwei Flüssigkeitsnahrung-Freundinnen. Meine Mutter läge im Sterben. Nach m-einem Schockmoment wieherten sie und meine Mutter los. April, April.  In der Regel wurden darauf Beleidigungen verbalisiert. Anfänglich blieb mir das Herz stehen. Später lernte ich, mitten in der Nacht nicht mehr an das Telefon zu gehen. Die Betreuung und Fürsorge, die sie als an Krebs erkrankte Privatpatientin erhielt, nutzte sie, Armeen gegen mich zu mobilisieren. Es baute alles auf der selben Leier auf. Pflegerinnen, Krankenschwestern, Fremde ließen sich von meiner Mutter manipulieren und instrumentalisieren, so dass sie über diese derart ausgelagtern Arme Zugriff auf mich nehmen konnte/ wollte. Sie verbreitete die These mein Vater sei ein von seinen Hormonen fehlgeleiteter, notorischer Fremdgänger, der sich mit einer Straßenstricherin ins Ausland abgesetzt habe. Und ich käme ganz nach meinem Vater, ich gehe anschaffen, nähme Drogen, wäre Mitglied einer satanischen Sekte. Ja, das erzählte sie. Und wenn ich sie  ab und an besuchen ging, konnte es passieren, dass ich auf meine Mutter und eine Pflegerin traf, meine Mutter in hemmungsloses Weinen ausbrach, während mich wildfremde Personen beschuldigten, was ich der armen, armen Frau nur antäte… Ich musste mir von Lehrern, Ärzten, Pflegerinnen, Krankenschwestern, Fremden anhören, was für ein widerwärtiges, missratenes, abstoßendes, moralloses Kind ich sei. In der Regel war sie anwesend während man mich dieserart beschimpfte. Und hatte sie im Vorfeld noch herzzerreißend geweint, grinste sie hämisch im Rücken derjenigen, die mich traktierte. Ja, sie besaß einen perfiden Humor. Sie sehen, das liegt in der Familie. Traf ich sie allein, kannte sie keine Hemmungen, mich mit vulgären Worten obzön zu beschimpfen. Hure. Nutte. Kotzfrettchen. Meine Mutter.

Das Kotzfrettchen hatte sie auf meine Anorexie hin entwickelt. Selbst vor der Magersucht machte sie nicht halt und behauptete überall, ich seie bulimisch/ ess- und brech-süchtig. Und da sie eine gute Mutter sei, finanziere sie dieses ihr Vermögen in die Toilette kotzendes Kind. Kotzfrettchen. Diese Geschichte meiner imaginären Ess-Brech-Sucht nahm absurde Züge an. So beorderte sie mich eines schönen Tages nachmittags zu sich nach Hause. Mir schwante bereits Übles und der Verdacht verstärkte sich, als ich die Wohnung/ das Wohnzimmer betrat und sie und eine ihrer Flüssignahrungs-Kolleginnen gut durchfeuchtet antraf. Auf dem Wohnzimmertisch befand sich etwas, was von einer großen, karierten Decke verhüllt war. Ich hätte meinem Bauchgefühl folgen und umdrehen sollen. Tat ich nicht. Kaum, dass meine Mutter mich erblickte, griff sie sich melodramatisch an ihr Herz, begann herzzerreißend zu weinen und stieß nur hervor: „Oh mein Kind, mein armes, armes Kind.“ Das war der Startschuss für die Bekannte. Sie baute sich vor mir auf und erzählte mir, was für ein undankbares und widerwärtiges Mädchen ich sei und dass dies jetzt ein Ende hätte, alles. Unter anderem, dass ich meine Mutter mit meiner Brechsucht derart finanziell schädige. Wohlbemerkt: ich war magersüchtig. Nicht ess- und brech-süchtig. Daraufhin zog die gute Frau (Frau Marianne Wickel, Bergisch Gladbach…) die karierte Decke von dem Korb und zeigte auf einen mit Lebensmitteln randvoll gefüllten Wäschekorb. Das war der Moment, in dem meine Mutter ihr Weinen vergaß, ihre Augen vor Vergnügen blitzten und sie mit ihren widerwärtigen Mantras begann: „Ja, geh hin, geh nur hin, jetzt geh schon hin. Los, geh hin. Schau nur, was wir Schönes für dich haben. Jaja, schau, was wir Schönes für dich haben. Geh jetzt hin, los, geh jetzt hin.“ Ich bewegte mich keinen Zentimeter, so dass die gute Frau Wickel den Wäschekorb nahm und mir gegen die Brust drückte. „Guck da rein,“ kreischte meine Mutter, „los guck da rein, du sollst da reingucken.“ Meine entgleisenden Gesichtszüge betrachtete sie mit sichtlichem Wohlgefallen. Ihre Fürsprecherin deutete meinen Blick richtig und erklärte, ja, die Lebensmittel seien lange abgelaufen. Sie wären Folge einer Sammelaktion in der Straße und wenn ich eh alles auskotzte, könnte ich gleich verfallene Lebensmittel zu mir nehmen. Das wäre schließlich egal, wenn eh alles in der Toilette landete.

Ich ging ohne Wäschekorb nach Hause. Ich war nicht ess- und brech-süchtig.

Und dann kam Ostern. Und es erfolgte ein Anruf. Von einer Freundin. Meine Mutter sei im Krankenhaus und es stünde nicht gut um sie. „Sybille“, sagte ich, „Wie oft noch? Lasst mich mit euren kranken Spielchen in Ruhe.“ Doch sie sie beharrte es sei ernst. Und ich spürte, dass und wie ernst es war.

An dieser Stelle möchte ich erwähnen, dass meine Mutter nie lange Freundinnen besaß. In der Regel ließ sich von ihren Geschichten nur beeindrucken, wer sie nicht kannte. Kamen Menschen ihr Nähe wurden sie ebenfalls Ziel ihrer Bösartigkeit. Allerdings gibt es nur eine einzige Person, die sich jemals dafür entschuldigte, was sie im Auftrag meiner Mutter mit mir anstellten. Eben diese Sybille. Sybille Menden. Ebenfalls Bergisch Gladbach. Huhu, Bille.

Und dann begann das Sterben meiner Mutter. Der behandelnde Arzt war nicht vorort, nur eine mit zwei Stationen überforderte Ärztin im Praktikum. Nein, sie könne und wolle meiner Mutter nichts gegen die Schmerzen geben. Man hatte die Klingel zu dem Einzelzimmer später – auf mein unzähliges Klingeln hin – ausgestellt, so dass mein verzweifeltes Bemühen um Hilfe im Nichts verhallte. Sie starb drei Tage. Sie verreckte in diesen drei Tagen. Zu dem Tumor in der Brust, über die Lymphdrüsen verteilt, hatten sich Tumore in der Wirbelsäule, im Gehirn und in der Lunge gebildet. Darm und Blase versagten So wurde meine Mutter an eine Maschine gelegt, die die sich zersetzende Lunge abpumpte. Dem durch das Blasenversagen aufgequollenen Leib und dem dadurch vergifteten Gehirn konnte nicht mehr geholfen werden. Sie schrie vor Schmerzen. Und ich saß daneben. Ich hielt sie. Ich umarmte sie. Ich bettete sie. Ich betete. Für sie. Für mich. Und dann begann ich zu sprechen… dass sie eine gute Mutter gewesen sei, ich ihre Liebe stets gespürt hätte und ihr vergeben würde. Es gab zudem ein sehr unschönes Adoptionsgerücht, welches in der Luft hing – und bis zum heutigen Tage nicht stimmig geklärt werden konnte. Welches mich glauben ließ, nicht das Kind meiner unfruchtbaren Mutter zu sein. (..was im Übrigen auch meine recht dunkle Hautfarbe und anderes erklärte). Also griff ich in meiner Rede dieses Gerücht auf. Und dass es egal sei, ob sie mich jemals ausgetragen, oder adoptiert hätte. Ich wäre Ihr dankbar. Ja, das erzählte ich. Ich erzählte es inbrünstig. Hielt sie, während sie tobte. Wischte den Schweiß. Hielt die Überreste ihrer Lunge in den Händen, als sie an ihren Schläuchen riss. Und dann sagte ich: „Den Rest des Weges, Mami, den musst du allein gehen.“ Ich verließ das Krankenzimmer. Ich verließ es um Luft zu schnappen – vor dem Geschehen. Und sie starb. In diesem Moment starb sie.

Meine beste Freundin Lisa (die hier sicher mitliest…) holte mich von dem Krankenhaus ab. Wir fuhren von Bergisch Gladbach Richtung Köln. Schweigend. Als wir über die Deutzer Brücke fuhren, da hatte ich das Gefühl, eine um mein Herz gelegte Spange zerspringe… und ich began zu lachen und zu weinen vor Glück. Dass es endlich vorbei und meine Mutter tod war.

Aber das war ein sehr großer Irrtum. Liebe, Hass, Trauer, Verbindung, das sind Werte die unser Leben bestimmen. Sie sind unsere immanenten Koordinaten, an denen wir unser Selbst ableiten  – und, sie sind immateriell. Aber so wie diese immanenten Koordinaten immateriell sind, so wenig lassen sich von dem Verfall physischer Zellen beeindrucken.

Mein herzallerliebstes Hundemädchen starb im Dezember 2014 und ich liebe sie heute noch. Es vergeht nicht ein Tag, an dem ich nicht mit meinem Paulalinchen spräche und ihrer kleinen Seele Liebe, Schutz und Frieden wünsche. Liebe ist un-fassbar, nicht be-greifbar, nicht be-rechenbar. Aber leider sind es auch Hass und Zerstörung nicht. Das, was meine Mutter in mühsamer Kleinstarbeit über dreißig Jahre wiederholt suggeriert hatte, das wirkte über ihren Tod hinaus. Als ich mich um die Beerdigung und den Nachlass kümmerte, da erfuhr ich, dass sie einen Teil des Begräbnisses bereits festgelegt hatte. Sie wollte anonym bestattet werden. So setzte sie ihre Handschrift noch bis über den Tod hinaus. Ihre Miss- und Ver-achtung vor mir, meinem Anrecht auf einen Platz der Trauer, eine Mutter, die wenigstens – wenn schon nicht lebendig – dann im Tode eine Beständigkeit aufgebracht hätte. Das sollte so nicht sein. Aus der Vogelperspektive der Rückbetrachtung ist Vieles gut und richtig so. Ich habe es überlebt.

Doch bis dahin war es noch ein verdammt langer Weg. Ein verdammt langer Weg, den ich als konditonierter Duracell-Hase tippelte, nicht be-greifend, dass ich in Programmen und Suggestionen gefangen war. Ob es nun mein BindungsUNwille bezüglich Partnerschaften, meine Unfähigkeit, mich auf einen Ort einzulassen war, meine selbstmörderischen Aktionen waren, die mich auf einer aufgeblasenen Matratze Wellenreiten ließen im Atlantik, oder Bungee-Springen in Holland, über wackelige Geländer von Wolkenkratzern balancieren ließen… oder später meine zehnjährige Leitungstätigkeit eines Wohnheimes für nasse Alkoholiker… und weiteres, psychiatrisches Klientel, auch, dass ich kinder-los blieb, hier im Osten wohne… All das waren Reaktionen auf ihr Wirken. Deswegen, liebe Tikerschek, begann der Absturz mit ihrem Tod. Trotzdem war es das beste, was sie tuen konnte für mich, zu sterben, neben dem Tatbestand mir mein Leben zu schenken.

Jetzt und hier bin ich froh, es überstanden zu haben. Mein Drang, Schwächeren zu helfen, steht eindeutig im Zusammenhang mit meiner Geschichte. Der Geschichte eines Kindes dem niemand half. Deswegen bin ich  an den Flüchtlingskindern interessiert. Deswegen arbeite ich an der Aktion „Fremdenherz“, weil ich WILL, dass diesen Kindern geholfen wird.

Deswegen ist mir mittlerweile vollkommen schnurzpiepegal, was irgendwelche Leute von mir halten. Wer es schafft auch nur drei Monde in meinen Mokassins meinen Lebensweg zu beschreiten, der ist auf Augenhöhe. Wer Satan aus der Hölle flüchtete, der fürchtet sich nicht vor Mücken und Amöben. So ist das. Mit mir. Und meinem glücklicherweise unkaputtbaren Sturkopf.

Deswegen male ich bunte, linkische Bilder. Ich lasse das Kind in mir toben, lasse es frei, sich entfalten. Es darf klecksig und bunt malen, ohne Anspruch auf Perfektion. Ohne, dass die Bilder zerrissen würden.  Das ist Vibesbild.

Wenn ich heute von meinen Älteren schreibe, dann sind damit selbstredend meine Eltern gemeint. Mein Vater ist in zweiter Ehe glücklich verheiratet. Seine Frau kenne ich seit meinem dritten Lebensjahr. Sie hat ihre Ecken und Macken und Kanten, aber sie hat ein gutes Herz und ich meinen Platz mittendrin. Deswegen sind sie und mein Vater – meine Älteren/ meine Eltern.

Und, nein, ich vermisse meine Mutter nicht. Sie war ein für mich schädlicher Mensch, der unverhohlen daran interessiert war, mir zu schaden. Die Zeit, dass ich einer wirklichen Mutter nachgetrauert hätte, ist ebenfalls vorbei. Das tat ich währenddessen. Als Teenager in ihren Fängen. Da trauerte ich. Aus Selbstmitleid. Wohin nur die Mutter meiner Kindheit entschwunden ist. Die Trauer legte sich rasch, als ich erkannte, dass sie nichts und niemanden zurückbringt, es mir nur schwerer macht, die Realität zu akzeptieren. Wirklich schwer ist es mir gefallen, ihr zu verzeihen. Wie der eine (ua Don Matteo, Kon), die andere weiß (Lisa, Snowie), arbeite ich schamanisch.

Schattenarbeit ist das Synonym für das Tiefschüren in und Transformieren von Altlasten. Mit Hilfe diverser therapeutischer Mittel, habe ich mich meiner Wut und meiner Trauer gestellt und sie aufgearbeitet. Ja, schwer gefallen ist mir das Verzeihen. Erst recht, nachdem ich erkannt habe, dass sie bewusst zerstörte. Nachdem ich erkannte, dass Alkoholismus nicht zwingend bedeutet und rechtfertigt ein skrupelloser Dämon in Menschenfleisch zu sein. Über meine spätere Arbeit mit Suchterkrankten, erlebte ich Schweralkoholiker im Endstadium, die liebevoll und dankbar war. Der Alkoholabusus ist für mich keine gültige Rechtfertigung für mangelnden Charakter. Aber ich konnte ihr verzeihen. Allerdings unter einer einzigen Bedingung: dass sie niemals wieder in mein Leben tritt. Sollte es so etwas wie Wiedergeburt geben, wollte ich auf Nummer sicher gehen. ;-)

Nach meinem Unfall hatte ich schlimme Alpträume. Alpträume, in denen mir mein Mutter in tatsächlich diabolischer Gestalt begegnete. Das war der Beginn des endgültigen Be-Greifens und los-lassens. Solve et coagula, oder auch die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen. Hat sich bewährt.

Mir fällt das Schreiben darüber nicht leicht, richtiger: es kostet Kraft. Aber, liebe Tikerschek, bedauere, bitte, Deine Fragen nicht. Ich danke Dir für Dein Interesse, Deine Aufmerksamkeit und ich hoffe und wünsche mir sehr, dass dieses Niederschreiben anderen „Betroffenen“ hilft.

Möglicherweise sensibilisiert es auch. Für das Umfeld. Kinder von psychisch kranken Eltern/ Alkoholiker*innen schreien stumm. Schließen Sie – als Mitlesende-r – die Augen und hören hin. Bitte. Und werden Sie aktiv, wenden Sie sich nicht ab. Das ist wohl das Wichtigste, was ich mitgeben kann – aus der verqueren Summe meiner Erfahrungen.

Und, nein, in diesen Beitrag gehören keine Bilder.

So, und jetzt wende ich mich wieder den Glühwürmchen-Geschwadern zu. Nicht, dass ich noch schlechte Laune kriege, wenn ich meinen Blog aufrufe. Davon kann mich nämlich kein Irrsinn auf der Welt abhalten: renitent an das Schöne, Lichtene und die Liebe zu glauben. Isso.

 

 

 

 

Ähnlicher Artikel:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

1 × vier =