Schlange & Paradies

Jahresanfang. Wintereinbruch. Berlin. Neukölln. Herrmanplatz. Stadtsparkasse.

Als wir eintreffen, herrscht ein Riesentumult. Kurz sind wir versucht auf dem Absatz kehrt zu machen, doch der Termin ist wichtig und lässt sich nicht aufschieben. Großes Gedrängel. Aufgeregt vermischen sich Stimmen zu einem multilingualen, disharmonischem Chor. Wir versuchen in dem Chaos vergebens die obligatorischen Schalterschlangen auszumachen und erkennen, dass sich um eine Gruppe von Männern eine Traube gebildet hat.

Berlin. Berlin, welches ich nun seit 1998 bewohn-t-e, ist geprägt von Armut und Anonymität, von Lieblosig- und Vergänglichkeit. Der in Zeitschriften gepriesene Zeitgeist und Stil, das Modebewusstsein und Schöngeistige sucht man umsonst. Es ist stilisiert. Wie so Vieles in dieser Zeit. Kunstprodukt im gegenseitigen, schweigenden Einverständnis. Hier ist man anonym in der Masse. Hier gilt die Konzentration dem Über-Leben. Hier wird der Lumpen zum Linnen erklärt, damit die graue Armut nicht allzu erdrückend lastet. Hier wird das im tagtäglichen Überlebenskampf vernachlässigte Äußere zur kultigen Kluft ernannt. So lässt es sich leichter ertragen. Die Armut. Der/ die Berliner*in ist nie zu gut gekleidet, eher zu nachlässig. Nie geht von ihm/ihr ein frischer Duft aus. Eher jener, der Wäsche vorauseilt, die zu lange in der Waschmaschinentrommel vergessen wurde. Die Haare sind fettig und wenn sie nicht fettig sind, dann werden sie eben so gestyled. Die Bärte sind lang. Das trägt man jetzt. Das ist „in“. Auch so lässt sich Nachlässig- und Lieblosig-keit verschleiern. Die Schuhe sind ausgetreten. Die Sohlen abgelaufen. Statt Louis Vuitton und Michael Kors trägt man in Aldi-Tüten und Jutebeuteln seinen Krimskrams spazieren. In Berlin muss man sich nie sorgen, man könne zu ungepflegt oder zu nachlässig auf die Straße gehen. Hier muss das so. Hier wurden Not und Verelendung zum Stil geadelt. Traurig. Aber Realität. In Berlin. Wenn ich diverse Berliner Modeblogs lese, muss ich schmunzeln und frage mich insgeheim, ob sie auf einer winzigen Espressotassen-Wahrnehmungs-Scholle leben, oder bewusst ihre Leser*innen verschaukeln, oder einfach nur zuviel von den bunten Smarties einschmissen, die es hier überall und an jeder Ecke zu kaufen gibt, ja, die einem geradezu aufgedrängt werden. Diese Meinung teilten im Übrigen auch die lieben Kolleg*innen der n-tv Parlamentsredaktion. Rheinländer*innen, die entsetzt waren über den Spagat zwischen Berlins Ruf und der Berliner Realität und glücklich zurück an den Rhein hasteten, als n-tv von Berlin nach Köln zurück-verlegt wurde.

Zurück in die Sparkasse. Die Menschentraube hat sich nun zu einem mehrarmigen Pulk verdichtet, der das Schließen der Eingangstür verhindert. Von Vorne brüllt eine brüchige Altherrenstimme, die beschissene Türe solle zugemacht werden, er würde sich den Arsch abfrieren. Seine Forderung verliert sich im Tumult. Mittlerweile drängen sich Security und Polizei durch die aufgeregte Schar. Sie setzen Ellenbogen wie Knüppel ein und das aufgeregte Durcheinander erstirbt an schwerter-scharfen Blicken. Vereinzelte Stimmen ersticken in der Aufregung, etwas zu verpassen. Wie ertappt raunt und murmelt es und drängt in die Ecken und an die Wände – hin in die Unauffälligkeit der Menge. Wir stehen ein bißchen hilflos auf weiter Flur, weil sich die mutmaßte, anstehende Schlange in Luft auflöste. In der Mitte des Raumes stehen sieben junge Männer. Sie sehen genauso aus wie jeder Berliner aussieht. Sie haben Bärte, die nicht gepflegt wirken, aber möglicherweise ja auch Zeichen für Modebewusstsein sein können. Sind sie Hipster? Durchaus möglich. Einer umklammert das obligatorische Berlin-Handtäschlein: eine Aldi-Tüte. Sie tragen alle Jeans. Mit Falten. Und Flecken. Zerschlissen. Wie man das eben so trägt in Berlin. Das Schuhwerk sind Turnschuhe. Zu dünn für dieses Wetter, aber, Himmel, was diese Modeverrückten eben so aushecken. Die Jacken sind ebenfalls zu dünn. Parkas. Manche haben diesen Kunstfellkranz um die anhängenden Mützen.  Aber hier handelt es sich nicht um ein paar mit Armut kokettierenden Hipster, sondern offensichtlich um Zugereiste. Keiner von ihnen scheint der deutschen Sprache mächtig, wie sich bei der Befragung durch die Sicherheitsleute herausstellt. In gebrochenem Englisch erklärt der Anführer angeregt, während er immer wieder einen Zettel hochhält, auf den er mit einer Hand zeigt. „Geld, Geld, money, money“ spricht er sein Mantra. Fordernd. Auf einem Tableau von Wut und Angst. Am Bankschalter eine rot-gesichtige Dame. Sichtbar aufgelöst. Die für Ost-Berlin typische Altdamenfrisur – grelles Heimdauerwellen-Karottenrot zum Helm onduliert – hängt kläglich. Ein Herr im Anzug ist an ihre Seite geeilt. Eine Aura von Gewichtigkeit umgibt ihn. Demonstrierter Herrschaftsanspruch. Offensichtlich ein Vorgesetzter.  „Die wollen Geld, haben aber kein Konto,“ ruft sie anklagend, die Dame in Karottenrot. Ohhhhhh, durchfährt es die Menge einhellig. „Jaja, Geld, Geld, money, money.“ bestätigt der Anführer der umrundeten Meute sichtbar erleichtert. Er wirkt relativ freundlich während seine Begleiter mittlerweile düster blicken und von ihnen tatsächlich etwas Aggressives ausgeht. Aber wer würde nicht aggressiv, wenn er von einer Horde wildgewordener Berliner*innen begafft und belagert würde. „Hier nix Geld, Du nix Konto,“ redet ein Beamter auf den Anführer ein, als habe er soeben eine Sprachamnesie erlitten.

Langer Rede kurzer Sinn. Irgendein Spaßvogel am LaGeSo hat den jungen Männern die Adresse von der Sparkasse am Herrmannplatz empfohlen, auf deren Frage, woher sie Geld bekämen. Lautes Lachen perlt durch die Menge. Haha. Sind die doof. „Ja, wenns so einfach wäre, nä?“ prollt ein dickbäuchiger Mann. Mit Alditüte. Parka. Und in fleckigen Jeans. „Hier muss man arbeiten für Jeld, wa“ ruft eine Frau laut und beifälliges Raunen geht durch die Menge. „Hier gibt es nichts umsonst,“ baut sich eine weitere, dickeflächendeckende, ungepflegte Frau (Parka, Leggings, Alditüte) vor den Fremden auf. Ihre unter den speckigen Augenwülsten verschwindenden winzigen Augen blitzen böse. „Wäre ja noch schöner,“ hetzt sie noch hinterher und speit in hohem Bogen Gehässigkeit. Jetzt lässt es sich ja leicht spucken. Jetzt, da die Fremden vorgeführt werden wie Diebe an einem mittelalterlichen Dorfpranger.

Mich packt eisiges Entsetzen. Da breiten sich derart viele Abgründe auf, dass sich jeder einzelne als gierig-blutig-er Schlund entpuppt. Was von Politik zu halten ist, die mit Menschenleben spielt, als wären es Marionetten im Wahlkampf, sei an anderer Stelle hinterfragt. Fakt ist aber, dass Menschen hier vor Ort sind. Welche Absichten und Intentionen sie zu ihren langen Reisen motivierten, sei mal dahin gestellt.  Aber sie wurden ja gelockt. Mit paradiesischen Versprechen. Über Häuser und Dächer über Köpfen, mit leicht zu erhaltenden Geldern, mit angeblicher Gastfreundlichkeit. Wer würde in vergleichbaren Situationen NICHT einer solchen Einladung folgen?

Und nun stehen sie da. Von wegen Gastfreundschaft und Dach über dem Kopf und Geld in der Hand und Freude im Überfluss. Das Paradies entpuppt sich als eiskalte Hölle. Es schneit. Minusgrade. Die Zelte, die weiterhin als Notunterkunft dienen, sind – bis auf eines – nicht beheizt. Wer soll und könnte da friedlich bleiben? Wer würde sich da nicht hinter das Licht geführt fühlen? Ich will nichts gutheißen, will nichts schön reden, ich frage mich einfach. Wie würde ICH mich fühlen, wenn ich mit irreführenden Versprechen meine Heimat verlassen und alles aufgegeben hätte, … Ich reiße mühsam und wankend meinen letzten Rest positives Denken zusammen und mutmaße, dass der Mensch, der den Fremden den schriftlichen Hinweis mit Sparkassen-Adresse gab, gute Absicht besaß. Möglicherweise erklären wollte, wo man ein Konto eröffnen kann… Aber im Grunde meines Herzens und meines bißchen Grips´weiß ich, dass man sich hier „einfach entledigen wollte“.

Darf man das? Menschen hin und her schieben, nur, um sich seiner eigenen Verantwortung zu entziehen? Darf man das? Kann man damit morgens noch in den Spiegel schauen? Und was wären 57, 3417 % aller Berliner, wenn Ämter mit deren Bedürftigkeit ähnlich verführen? Was wäre die Berliner Bevölkerung ohne Arbeitslosengeld, Hartz IV und (ergänzende) Grundsicherung, ohne Kindergelder und Bezuschussungen zum Lebensunterhalt, ohne Bafög oder Wohngeld? Vielleicht sollte man sich an die eigene, verfrorene Nase packen, bevor man über die Berechtigung der Ansprüche anderer Notleidende-r urteilt. Und Prioritäten setzen. Was nun mehr zählt. Die eigene Selbstgerechtigkeit, oder existierende Not.

Vorschau Merkel
Sorry, Micki, ging nicht anders. War wieder stärker als ich.

Nur Gedanken. Im Vorbeiflug festgehalten.

 

 

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