Das Narrenschiff

 

Wenn die Grenzen von Wahn und scheinheiliger Realität sich ad absurdum führen.

m-ein Textanteil an Dominik Leitners Projekt „kreatives Schreiben“Das dritte Wort. • *.txt WAHN

Vorsicht, langatmiger, abwegiger, schwer verdaulicher, unschön lesbarer Brocken. Ab jetzt sind Sie für das Aufnehmen von Informationen allein verantwortlich. 

„Die ganze Zeit wackelte sie mit ihrem Arsch vor meinen Augen. Das tat sie doch nur, um mich geil zu machen. Das wollte sie doch die ganze Zeit. Mich geil machen. Hält mir die Titten vor die Nase, macht mich ganz WAHNsinnig damit und beschwert sich dann. Die mobbt mich diese Sau.“ 

„Leck mich am Arsch. Arschloch!“

Nein, kein akutes Gilles de la Tourette-Syndrom. Aussagen früherer Arbeitskollegen.  Jetzt wundern Sie sich möglicherweise, in welcher Gosse ich dümpelte. Nun, es war tatsächlich Gosse. Ein Wohnheim für die Entrechteten. Für jene, die über den Tellerrand unserer Gesellschaft purzeln. Die Bewohner*innen waren Suchterkrankte, die aufgrund ihrer Therapieunfähigkeit nirgendwo anders untergebracht werden konnten. Pflegeheime nehmen keine akut Süchtigen auf. Der Ton war hart. Der Umgang zuweilen auch. Drogen induzierte, psychotische Schübe äußern sich eben nicht nur in WAHNvorstelllungen, sondern zuweilen auch phsysischen Übergriffen. Aber in all den zehn Jahren, in denen ich für meinen ehemaligen Arbeitgeber tätig war, kam es nie – und zwar ausnahmslos – NIE zu derartigen wie anfänglich zitierten Verbalausfällen. Zumindest nicht von Seiten des Klientels.

Aber lassen Sie mich ausholen. Ich versuchte mich gerade an einer vollkommen falsch eingefädelten und erfolglosen Selbstständigkeit, als eine Netzbekannte – im Folgenden X genannt- , mit der ich mich bereits diverse Male auf einen Kaffee in Berlin getroffen hatte, mich händeringend bat, für ihr Etablissement tätig zu werden.

Die Dame X und ihr ehemaliger Lebensgefährte Y hatten Jahre vorher aus der Not eine Tugend gemacht. Sowohl aus der eigenen, als auch aus der der anderen. Nach Mauerfall wären beide den Käschern und Mühlen des Kapitalismus in die Hände gefallen, ihre Naivität und Gutmütigkeit ausgenutzt worden. Ganz ohne böse Absicht hätten sie sich als klinkenputzende Versicherungsvertreter wieder-gefunden. War die Variante der X. Und des Y.. Wer nicht genügend Abschlüsse brachte, flog. Aus der Versicherung. Böser Kapitalismus. Immerhin fanden die beiden sich im gemeinsamen Unrecht zusammen und führten wenige Jahre eine glücklose Affaire. Mir als Involvierter war bekannt, dass man noch zu besten, alten, täglich aus der Erinnerung entstaubten und betrauerten DDR-Zeiten steile Karrieren beim Staatssicherheitsdienst hingelegt hatte. Damals war ja alles noch viel besser.  Als man vom Bespitzeln und Denunzieren leben konnte. Schöne Zeit. Damals.

Ungünstiger Weise nur ließen sich diese Karrieren im Lebenslauf schlecht vermarkten und infolgedessen standen beide ausbildungstechnisch sozusagen mittellos da. Man kennt das ja. Aus Lebensläufen. Jahrelange Aufenthalte im Ausland. Offiziell. In der Regel im Knast verbracht. Hieß es früher. Im Westen. Im Osten können die Jahre im Ausland  auch immer noch die Staatssicherheit gewesen sein. Da es einen Unterschied gibt zwischen Leute-Bespitzeln und Leute-Überreden verliefen die Karrieren als Klinkenputzer im Versicherungsgewerbe suboptimal und beide fanden sich alsdann in der Liebesbeziehung und zeitnah darauf arbeitslos wieder. Erfindungsreich waren beide. Alte Ossi-Manier. Sagten sie. Die X und der Y. Man habe ja nichts im Osten gehabt. Deswegen sei der Ossi sozusagen zur Kreativität erzogen. Anders, als der verwöhnte, dümmliche Wessi.  Sie begannen Billig-Artikel in Massen aufzukaufen und diese dann wiederum überteuert weiter zu verkaufen. So hatten sie es sich vorgestellt. Doch auch dies misslang. Bis sie hoch verschuldet waren, der Strom ihrer Wohnung abgestellt und beide vor einer Räumungsklage standen. Kapitalismus. Unmenschlicher. Erklärten sie. (Letzte Handhabe eines Vermieters, der monatelang keine Miete erhält. Dachte ich.) Damals fanden sich die X und der Y auf dem Sozialamt wieder und die freundliche Dame vom Amt beruhigte die aufgebrachten Gemüter. Unter anderem durch den Hinweis auf eine mögliche Unterbringung. In einem Obdachlosenheim.

Nein! Doch!

Alsdann erfuhren sie am eigenen Leibe, was der Staat gewillt ist für die Unterbringung Obdachloser zu erstatten. Tagessätze. Richtiger: Nachtsätze. Denn abgerechnet werden üblicherweise die Übernachtungen. Und so fanden beide heraus, dass der Staat für die Beheimatung Obdachloser gewillt ist weitaus mehr zu zahlen, als er für eine Sozialwohnung jemals zahlen würde. Sie rechneten sich das hoch. Ein großes Haus. Mit fünfzig Bewohnern. Träumten sie. Und die dann mal dreißig Taler pro Nacht, mal dreißig Übernachtungen pro Monat. 45.000,00 Silberlinge. Da wärmten die kapitalistischen Dollarzeichen die verlorenen Seelen. Die neuen Nachbarn vom Y und der X, also jene in dem kurzfristig bezogenen Übergangswohnheim, beeindruckten vorrangig durch ihren erhöhten Alkoholkonsum und die dadurch begründete Dauer-Verpeiltheit. Das, so dachte sich das findige Päarchen, sei DIE Einnahmequelle. Gedacht getan. Dank diverser guter, alter Verbindungen, zugesicherter Gewinn-Beteiligungen, ja, diese Seilschaften überleben die Aeonen, man kann nur staunen, war schnell ein Vorschuss aufgetan, mit dem sich das erste Wohnheim eröffnen ließ. Und kaum war das erste Wohnheim belegt, mieteten sie das zweite Wohnheim an. Der Rubel rollte.

Schnell begründeten sie einen gemeinnützigen Verein. Als Gründungs-Mitglieder dieses Vereines wurden gute, alte – aus langjährigen Auslandsaufenthalten – Bekannte  eingetragen. Die waren gegen einen monatlichen Obolus zu Vielem bereit. Auch pro forma einen Namen hin zu halten. Verein begründet und los konnte es gehen. Der Rohgewinn ließ die X und den Y jauchzen vor Freude. Und da man nicht so auf den Kopf gefallen war, wie es den Anschein haben mag, wusste man bald, man könnte an Gehältern sparen. Die treuen Freunde aus den langjährigen Auslandsaufenthalten innerhalb der DDR erfreuten sich eines monatlichen, für Nichts-tuen gar nicht mal schlechten monetären Ausgleiches. Da es sich beim untergebrachten Klientel nur um Zitat: „dumme Säufer“, wahlweise auch „verschissene Alkis“ oder „Idioten“, handelte, sah man vorerst keine Notwendigkeit, qualifiziertes Personal einzustellen. Und der Laden lief, brachte die gewünschten Einnahmen.

Zu dem Zeitpunkt, als man mich anfragte, befand sich das Heim indes unter der Lupe diverser Amtsgerichte und Ämter, eben jener, die die Zuweisungen der Bewohner*innen veranlassten und/ oder bezahlten. Zwei der dementen, alten Bekannten aus  DDR-Auslandsaufenthalten.., die, offiziell längst berentet,  man als Pro-forma-Chefs eingestellt hatte, sahen sich den Ansprüchen der zahlenden und Ansprüche stellenden Aussenwelt nicht gewachsen.

Da musste ich her.

Wie bereits erwähnt, verlief meine Selbstständigkeit (eine kunsttherapeutische Praxis) suboptimal. Ich hing mit Zahlungen in der Luft und sah in der Bitte der Bekannten eine mittelfristige, aber auch willkommene Lösung. Erst einmal.

Vorgesehen war mein errettender Einsatz in dem zweiten Wohnheim. Im ersten befanden sich die X und der Y. Als Geschäftsführer und Vorstand. Das zweite Wohnheim – mein zukünftiger Einsatzort – sei weitestgehend autark. In Entscheidungen. Und Verantwortung. Dort brauche man mich. Dringend. Es gehe bergab. Die Ämter säßen im Nacken. Sagte die X. Und ich dachte mir, ich versuche es. Übergangsweise. Nicht ahnend, was auf mich zukommt.

Auf mich zu kam ein Kollegium, welches vorrangig aus Bekannten.. aus alten DDR-Auslandsaufenthalten… bestand. Ein Placebo-Kollegium. Das Leitungsbüro – zum Zeitpunkt meines Dienstantrittes als Sozialpädagogin – bestand aus einem Sofa, mehreren Sesseln, einem Wohnzimmertisch und einer Schrankwand. Dort saß man, erzählte aus den guten alten Zeiten, trauerte der Mauer hinter her und beklagte die Schlechtheit des Kapitalismus. Während dieser tatsächlich täglich statt findenden, illustren Gesprächsrunden wurde reichlich Alkohol konsumiert. Gin. Weil, so sagte der damalige Leiter, weißer Schnaps sich an der Leber vorbeischliche und keine Fahne verursachte. Die Flaschen mit dem Alkohol befanden sich in leeren Ordnern, die wiederum die Schrankwand schmückten. Das sei eine liebe, alte Gewohnheit. Wurde mir erklärt. Früher, in der DDR habe man das immer so gemacht. Schön, wenn man so lieb gewonnene Traditionen am Leben halten kann.

Nun unterliegt ein Obdachlosenheim vielen, vielen Kontrollen. Da gibt es die Ämter, die ordnungsgemäße Belegungs-Übersichten und transparente Abrechnungen erwarten. Oder die Hygiene, die gerne unvermutet das Geschehen überprüft. Es gibt Ärzte, die das Heim aufsuchen, Betreuer, Richter, Rechtspflegerinnen, Pflegedienste,…

Man kann sich das Chaos vorstellen, welches diesen Kooperationspartner*innen begegnete, wenn sie im Wohnheim eintrafen. Verschmutzte Flure und Zimmer, lauthals betrunkene Bewohner*innen, die vor Schmutz starrten. Und lauthals betrunkene Mitarbeiter. Das Heim stand kurz vor dem Todesstoß, bekräftigte die X händeringend und so fing ich dort an.

Ich war anfänglich abgestoßen. Ich habe einen sehr spezifischen Bezug zu Alkohol und an Alkoholismus Erkrankten – aus meiner individuellen Geschichte. (Siehe kleine Bergpredigt, Wildes Fleisch)  Doch bald kristallisierten sich aus der schemenhafte Masse „der Alkoholiker“ die einzelnen Gesichter, die Individuen, ihre Geschichten. Oftmals waren es schockierende, waren es traurige, zuweilen erschreckende Hintergründe, die in die Sucht geführt hatten, oder sucht-bedingt entstanden. Immer hatte jeder Hintergrund individuelle Logik, seine spezifische Richtigkeit. Und Tragik. Und dieser Moment, in dem ich die Ohnmacht und Verzweiflung des Einzelnen, den individuellen Anspruch, die INDIVIDUEN erkannte, war meine Ver-Antwortung geboren und ich ganzheitlich in meinem Beruf.

Bald schon – nach drei Monaten – wurde ich zur stellvertretenden Leiterin ernannt und stand im Fokus jeglicher Beschwerden. Man schob mich vor an jeder Stelle, an der es nur ging. „Die regelt das schon.“ Das sagten der Y und die X. Das sagte auch der Leiter. Die Ämter. Die Bewohner*innen. Ich arbeitete nicht selten bis zu 60 Stunden die Woche. Zuweilen Monate ohne ein freies Wochenende. Es musste so unendlich viel auf- und nach-gearbeitet werden. Schärfen und Kanten geglättet, Chancen genutzt, Abläufe, Kontakte geschaffen werden. Und ich tat es. Gerne. Und vergaß, dass ich den Job nur übergangsweise machen wollte. Ich erkannte mich in meinem Tuen wieder. Und sah die Chance, mich dem nicht abgeschlossenen Kapitel meines Lebens zuzuwenden. Jenen, des Alkoholismus meiner verstorbenen Mutter. Betrachtete meine Tätigkeit als eine Chance, Frieden zu schließen. Und tat es.  Mit Alkoholismus. Mit an Alkoholismus Erkrankten. Ich machte meinen Frieden damit, dass manche durch die Sucht an jene Schwelle kommen, an der sie physisch wie psychisch nicht mehr entzugs-fähig sind. Ich erkannte und verstand und kam in Frieden. Mit mir. Mit ihr. Ein großes Geschenk.

Wie nun wiederholt betont, blickten 90,7491% des Kollegiums auf Karrieren zurück, die nur vor Mauerfall als löblich galten. Alte Seilschaften. Aus jenen hatte man die neuen Teams für die zwei Wohnheime rekrutiert. Kaum einer besaß Ahnung von der Materie, geschweige denn von den Anforderungen des Klientels und jenen der kooperierenden Kräfte. Und keiner hatte in Ansätzen das Bedürfnis, Befähigungen zu  erlangen. Es wurde gemeinsam gefrühstückt. Ein Sektschen gesüppelt. Noch ein Ginschen inhaliert. Gegen Mittag waren die Kolleg*innen in der Regel bestens durchfeuchtet und angeheitert. Das war in etwa der Moment, in dem man sich gegenseitig an und unter die Wäsche ging.

Illustre Familienbande verflochten sich und das Personal meiner wertgeschätzten Arbeitsstätte. Der Y – der Geschäftsführer – hatte ein Kind mit einer Sozialbetreuerin aus Haus 2, ein Verhältnis mit einer Pflegekraft aus Haus 1 und war der Ex von der X, der Chefin. Die X wiederum hatte eine Beziehung mit einem Wachmann aus Haus 1 und mit diesem ein Kind. Dieser Wachmann war schon lange nicht mehr am Platz, dafür die anderen Kollegen mit denen man sich freudig zu Saunagängen und allerlei Events verabredete, die sich unbekleidet ausführen lassen. Ein Wachmann bändelte mit einer weiteren Sozialbetreuerin aus Haus 2 an. Eine andere Sozialbetreuerin aus Haus 1 hatte im Vollrausch ein Verhältnis mit einem Bewohner begonnen. Das war die Realität meines Arbeitsplatzes als ich ihn antrat.

Anfänglich. Denn ich räumte auf. Ich bestand darauf, neue Kolleg*innen einzustellen. Schob die Seilschafts-Genoss*innen in das andere Wohnheim ab. Schuf Strukturen, klärte Verbindlichkeiten, Verbändelungen, tastete Verbindungen ab und sorgte für Ordnung. Wir schufen gemeinsam, neue Arbeitspätze. Arbeitsplätze, deren Alltag nicht daraus bestand, sich um sich und das eigene Vergnügen zu drehen, sondern Arbeitsplätze, die aus vielen verbundenen Stricken bestanden. Wir schufen und knüpften mit-ein-ander ein Netz, stark genug zum Auffangen, zum Ausholen, aber auch zum Ausruhen und für Luftsprünge.

Und ich wurde zum Dorn im Auge. Früh. Es fing bei Kleinigkeiten an. Dass ich nicht mit-trinken wollte, dort bei den Zusammentreffen im Leitungsbüro, dass ich mich nicht befummeln und besteigen ließ, dass ich kein Interresse an alten Stasi-Geschichten hatte, dass ich nicht die Schwäche des Klientels als gelungene Ausgangsplattform zur Ausbeutung betrachtete.

„Unterschreib mal hier, du Depp,“ sagte der G. Hielt einem stark angetrunkenen Bewohner eine Quittung unter die Nase. Nein, die wolle er nicht unterschreiben. Doch, das wolle er, beharrte der G. Und der Bewohner unterschrieb. Geld, dass er nun angeblich erhalten habe. Woran er sich am nächsten Tag eh nicht mehr erinnern konnte. Das war eine nicht unübliche Art, Einkäufe für gemeinsame Besäufnisse des Kollegiums zu bezahlen.

Nebenher trug meine Arbeit Früchte. Auch nach Außen. Ob nun die kooperierenden Krankenhäuser, die Ämter, die Gerichte, sie revidierten ihren Eindruck, das Wohnheim sei eine herunter gekommene Trinkhalle und rühmten die Ordentlichkeit des Hauses, wie gepflegt und zufrieden die Bewohner wirkten, dass deren Anliegen und Versorgung verantwortungsbewusst verfolgt wurden. Wir bekamen so viele Zuweisungen, das wir hätten anbauen müssen, um alle Bewohner aufzunehmen. Das Haus war zum ersten Mal seit Jahren voll belegt. „Du bist das beste Pferd im Stall,“ wiederholte der Y gerne.  Allerdings hielt ihn das nicht davon ab, den Dingen ihren Lauf zu lassen.

Zum Beispiel, als eben mein ehemaliger Vorgesetzter, der G, Leiter des Wohnheimes, reichlichst angetrunken sich von Hinten an mich heranschlich, die ich soeben mit Kopieren beschäftigt war. Um mich herum zu wirbeln, mir an die Brüste zu fassen und mir in die Lippen zu beißen. Selbstredend hatte er umgehend meine Finger in seinem Gesicht und meinen Ellenbogen in der folgenden, ungeschickten Rangelei in seinem fetten Bauch. „Das hat Konsequenzen, mein Guter,“ kündigte ich an und er höhnte hinter mir her. Wenn ich ihn anscheisse, sagte der G, würde ich sehen, was ich davon hätte. Und dass ich den Kürzeren ziehen würde.

Dummerweise behielt er recht. Der Y und die X konnten sich ein Lachen nicht verkneifen. Da hätte ich den guten, alten G wohl etwas geil gemacht. Sagten sie. Wortwörtlich. Geil. Das fanden sie komisch. Und schickten mich – vor Wut schäumend – nach Hause. Ich solle mich nicht so haben. Das sagten sie auch noch. Und nicht immer so verklemmt sein. Das hörte ich dort regelmäßig. Ach, und dass ich dem G das gönnen solle. Der wolle eben auch mal junges Fleisch fühlen. Lachend.

Sie hätten das möglicherweise besser nicht gesagt, denn dies erinnerte mich an meine Vergangenheit. An eine Vergangenheit, in der ich Unterstützung von Außen erwartete und meiner eigenen Ohnmacht ausgeliefert war. Ich hatte mir geschworen, mich nie wieder im Stich zu lassen. Und ich breche mein Wort selten. Und es gärte in mir.

Derweil hatte mein direkter Vorgesetzter, der hormonell unausgeglichene G,  seine ehemaligen Seilschafts-Genossinnen gegen mich eingeschworen. Haus 1 und Haus 2 waren informiert. Es begannen bizarre Spielchen. Gingen am zentralen Fax schriftlich übermittelte Termine für mich ein, wurden diese zeitnah und ohne mein Wissen durch den Häcksler gejagt. Ebenso wie Briefe an mich. Kostenübernahmen. Mein Glück, dass ich das Wachpersonal mittlerweile hatte auswechseln lassen. Diesen oblag – unter anderem – die ankommende Post an die Sozialarbeiter zu verteilen.  Als ich mich wiederholt einer (nach meinem Wissen) nicht angekündigten Begutachtung unvorbereitet gegenüber sah, nahmen mich die Jungs von der Wache an Seite.

Es gehe nicht mit rechten Dingen zu, wurde ich aufgeklärt. Und dass der G ihnen auferlegt hätte, alle Post an mich abzufangen und an ihn zu übergeben, auch jedes Telefonat, welches für mich in der Zentrale (=Wache eintreffe) sei zu ihm durch zu stellen. Nicht zu mir. Und sie müssten schweigen. Sonst wären sie ihren Job los.

Dies wissend stellte ich den Y und die X zur Rede: „Er, oder ich.“ Nun sahen sie die schönen Rubelchen schwinden, war das Haus durch mein tatkräftiges Gewerkel doch voll belegt, und so entschied man sich für mich. Was ich gedenke zu tuen. Nun, den G anzuzeigen, antwortete ich. Ach, das solle ich bitte nicht tuen. Und der Ruf vom Haus. Was ich damit den Bewohner*innen antäte. Dummerweise ließ ich mich von der Anzeige abbringen – unter der Prämisse, dass der G nie wieder einen Fuß in das Heim setzen und ich die Leitung übernehmen werde. Dies geschah.

Der G wurde jedoch nicht gefeuert, wie man denken möchte, nein, er wurde befördert zum königlichen Hofnarr. Nun nicht mehr länger Leiter des Wohnheimes bestand seine einzige Aufgabe darin, seinen guten alten Freund, den Y,  zu bespaßen. Mit ihm zu shoppen, Bordellbesuche und andere Vergnüglichkeiten zu teilen. Nachvollziehen konnte ich es nicht, aber es war mir egal. Der G war aus dem Haus entfernt und ich sah in meiner Beförderung zur Leiterin die Chance, das Haus endlich Störungs-frei zu einem guten, ordentlich funktionierenden Wohnheim zu wandeln.

Als gemeinnütziger Verein darf man keine Gewinne erwirtschaften. Gefälschte Rechnungen sind die Lösung. Diese wurden neben Schein-Gehältern ausgezahlt. Richtigerweise müsste ich von Schein-Arbeitsplätzen sprechen. Diese hatten die alten Seilschaftsfreund*innen inne. Und erhielten für ihre Scheintätigkeit nicht wenig Geld. Gerne, dummer und ungünstiger Weise brüstete man sich damit. Bis zum Erbrechen wurde diese verstaubten Verbändelungen besungen und gepriesen.

Jenen Angestellten, die ihren Job ernst nahmen und neu hinzu gekommen und von Staatssicherheitsdienstlichen Betätigungen unbeleckt waren, wie auch mir, wurde stets vom Y und der X erwidert, der Verein erziele nicht genügend Gewinne, um bessere Gehälter zu zahlen. Die tatsächlichen Einnahmen, den Roh-Gewinn konnte jeder Angestellte an fünf Fingern abzählen. Schließlich waren die Tagessätze für die Übernachtung, wie unsere Belegungszahlen allen bekannt. Dafür muss man nicht Einstein sein. Genügend für die X und den Y, um davon diverse Urlaube, Hausbau, Erwerb von Grundstücken, Automobile, Alimente und die alten Seilschaftskamerad*innen zu bezahlen. Sie erzählten es. Prahlten. Machten sich lustig über die Dummheit aller, die sich von ihnen ausnehmen ließen. Sie hielten sich für so ungemein clever. Der Y und die X.

Im Gewinne-Erzielen waren sie skrupellos und moral-befreit.  So engagierte man ein offiziell externes Küchenunternehmen, was die regelmäßigen Essens-Spenden größerer Märkte für die Bewohner zu Essen verarbeitete und das Essen gegen Bezahlung an die Bewohner verkaufte. Vollverpflegung. Dazu wurden sie in den kommenden Jahren sogar verpflichtet. Ob sie die Mahlzeiten in Anspruch nahmen, oder nicht. Gab es andere Spenden, Bonbons, Kuchen, Schokoladen, oder auch Dusch- und Body-Lotionen, Deodorants, Rasierschaum, etc, wurden die von dem selbstständigen Unternehmen „Kantine“  selbstredend verkauft. Spenden. Spenden für die Bewohner an die Bewohner verkauft. Gewusst wie. Ja, wenn man erst einmal die Tricks und Kniffe des Kapitalismus beherrscht, dann fluppt die Ausbeutung recht cremig.

Ich lag in ständigem Clinch. Krumme Sachen sind nicht meins. Noch weniger war meines, dass mir Anvertraute/ Angestellte zu Hungerlöhnen und miserablen Bedingungen beschäftigt wurden. Zwölf Stunden. Am Stück. Keine offizielle Pause. Arbeitszeit der Wachmänner: Durchgehend. Egal ob Feiertag, oder nicht. Schichtwechsel von Nachtdienst auf Frühdienst. Und alles für einen Hungerlohn. Jeder weiß, worauf er sich einlässt, wenn er seinen Arbeitsvertrag unterschreibt. Niemand wurde mit der Pistole auf der Brust gezwungen. Jeder arbeitete aus freien Stücken. Aber manchen sitzt die Not im Nacken. Der schnappt gerne nach dem Köder, geschmückt mit leeren Versprechungen und verheißungsvollen Aussichten. Das war Irreführung, Ausbeutung und Kapitalismus par excellence.

Nicht selten wurde es richtiggehend kriminell.  Zum Beispiel dann, wenn Bewohner*innen aus ihren Wohnungen abgeholt werden mussten, sollten, konnten. Und das hauseigene Umzugsteam – bestehend aus dem Y und zwei seiner Seilschaftsgenossen – sich freundlicherweise zur Wohnungsauflösung bereit erklärte. Wie selbstlos. Dann verschwanden Schmuck. Und Bargeld. Einmal gab es Ärger. Die Mutter eines an Chorea Huntington erkrankten, jungen Mannes erkundigte sich nach dem Verbleib, der neuen Einbauküche, welche einen Wert von 30.000,00 Euro besaß. Eine Einbauküche mit viel Schnickschnack für ihren motorisch schwer eingeschränkten Sohn. Die auf dem Weg zwischen Wohnung und Wohnheim abhanden gekommen war. Vom Lastwagen gefallen. Machte sich aber ausnehmend gut. In der Wohnung. Vom Y.

Viel gearbeitet wurde von Seiten der X und des Y mit menschlichen Schwächen und menschlicher Verführbarkeit. Zum Beispiel, als besagter G und der Y auf einer der legendären, grauenhaften Teamfahrten (stets mit Übernachtung. Selbstredend.) einen der Wachmänner dazu überredeten, ein polnisches Etablissement mit liebes-käuflichen Damen aufzusuchen, um gemeinsam eine solche zu beglücken. Zu dritt. Der gute G hatte Fotos gemacht. Hieß es. Er zeigte sie gerne. Ich wollte sie nicht sehen. Der Wachmann war verheiratet. Muckte er, weil das Geld zu knapp, der Dienst zu happig, ein Frei beantragt und wieder nicht genehmigt, er für das dritte Wochenende hinter einander eingesetzt war, dann wurde eben an die dralle Olga Kalaschnikowa erinnert und nachgefragt, was die werte Gattin von der Olga wohl halten würde.

Eine weitere unserer Angestellten hatte mit den Jahren selber ein schweres Alkoholproblem entwickelt. Wagte sie es aufzumucken, dann wurde ihr freundlich und geduldig erklärt, sie werde mit ihrem Alkoholproblem wohl nirgendwo anders eine Anstellung erhalten. Oder man stellte ihr ein Gläschen Schnaps vor die Nase und lachte, wenn sie zitternd zugriff.

Sie glauben das nicht? Ja, die Realität kann wahnsinnig sein. Rechtliche Handhabe haben sie so gut wie keine. Besonders dann nicht, wenn 80% der Zeugen selber so viel Dreck am Stecken haben, dass sie wegen indirekter Mittäterschaft mit dran glauben müssten und deswegen zu keiner Zeugenaussage gewillt sind. Es zahlt sich durchaus aus, keine Leichen im Keller zu bergen.

Ich war unkäuflich. Und ich war nicht gern gelitten von der X und dem Y. Sie hatten sich das einfacher mit mir vorgestellt. Mich, verführbarer. Bestechlicher. Nicht so renitent mich für die Rechte der Bewohner*innen und Kolleg*innen einsetzend. Ich bin nicht käuflich. Ich war unbequem. Aber ich brachte und hielt den Laden am Laufen.

Tatsächlich leisteten wir im neu strukturierten Team so gute Arbeit vor Ort, dass wir sogar den einen, die andere vom Alkohol weg bringen und „resozialisieren“ konnten. Tatsächlich gab es in all den vielen Jahren vier Bewohner. Vier Bewohner, die es schafften, ihre Sucht zu überwinden und wieder eine eigene Wohnung zu beziehen, tatsächlich Arbeit aufzunehmen und ein selbstständiges Leben zu führen. Die meisten starben unter unseren Händen weg. An den Folgen ihres jahrzehntelangen Alkohol-Abusus.

So fuhren wir an Bord des Narrenschiffes. Während der Kapitän sich mit seinen nautischen Offizieren unter Deck die Kante gab und in nostalgischen Erinnerungen schwelgte, kämpfte sich das Servicepersonal ab. Wie bereits erwähnt machte der Verein ungemeine Gewinne. Diese Gewinne wiederum wechselten nach Austausch von Schein-Rechnungen für scheinbar geleistete Dienstleistungen jeweils zu 50 % in die Taschen der Chefliga und des angeblichem Dienstleisters. Diese angeblichen Dienstleister – ebenfalls Kolleg*innen aus alten Zeiten – protzten und prahlten – wie bereits erwähnt – ausnahmslos gerne. Mit den alten Zeiten. Ihrer Nähe zum Geschäftsführer, dem Y, ihren gemeinsamen Machenschaften. Lauthals wurde angegeben. Ausnahmslos zu eigen war ihnen,  das Wach- und Pflege-personal wie Menschen dritter Klasse zu behandeln.

Und natürlich verbat ich mir dies. Möglicherweise aus dem Ungleichgewicht heraus, aus der Repression heraus, aus dem zur Schau gestellten Überfluss, der Arroganz, der ständigen Herablassung, den ostentativen Erniederigungen… heraus wuchs der Neid und Unmut unter den Angestellten. „Himmel,“ sagte ich eines Abends zur Chefin, „dann erzählt besser ihr plant eine Fahrradtour nach Polen. Ihr könnt doch nicht allen von euren Luxuskreuzfahrten erzählen und dann noch Freude und Begeisterung erwarten. Es weiß doch jeder, dass ihr nicht nebenberuflich noch Zeitungen austragt.“ Ich machte den Mund ständig auf. Die Arbeit mit den oftmals schwer kranken Süchtigen war weniger anstrengend als die ständigen, fruchtlosen Auseinandersetzungen mit der Nostalgie-Liga. Sie hatten Spaß am Schikanieren. Am Drangsalieren.

Und dennoch waren wir – das Servicepersonal, das Fußvolk – mit den Jahren ein gutes, ein eingeschworenes Team. Wir haben unseren Job als verantwortungsvolle Aufgabe verstanden und die Arbeit im Kollektiv war ungemein bereichernd.

Auf dem Gipfel der kriminellen, prahlerisch bekannten Abweichungen und Absurditäten hagelte es Anzeigen von anonym. Ich gehe davon aus, dass sich mundtod repressionierte Mitarbeiter auf diesem Wege „rächten“. Möglicherweise waren es auch Bewohner, die zwar alkoholerkrankt, zuweilen dement, aber nicht durch die Bank intelligenz-vermindert waren. Da ich allerdings die Einzige war, die nie den Mund hielt und sich stets für das Wohl der Allgemeinheit und eine faire Behandlung der Angestellten aussprach, hielt man mich für jene, die die anonyme Anzeige erstattet hatte. Unlogisch. Aber Fakt.

Irgendwer hatte irgendeinem Amt gemeldet, der Küchenchef arbeite mit nicht angemeldeten Personal und verarbeite Gammelfleisch. Korrekt. Beides. Allseits bekannt. Von mir wiederholt auf den Tisch gebracht. Nichts von den Anzeigen wissend ritt bei mir eines illustren Tages das Oberzollamt in meinem Leitungsbüro ein. Himmel, waren das Cowboys. Mich behandelten sie wie Aussatz. Ob ich möglicherweise Drogen unter dem Ladentisch verkaufe, ob sich gut Geld mit dem Leid anderer machen ließe. Sie nahmen mir die Farce nicht ab, dass die Küche ein externes, eigenständiges Unternehmen sei. Zu recht. Dennoch: sehr peinlicher Auftritt. Jedenfalls erfuhr ich so von der Anzeige gegen den Küchenchef und hatte – mal wieder – die Folgen  zu er.tragen. Zunächst nur das profilierungsneurotische Gebahren der Cowboys vom Oberzollamt. Mitgefangen. Mitgehangen.

Der Küchenchef – R – suchte mich an dem folgenden Freitagnachmittag in meinem Büro auf. Es herrschte reger Verkehr. Diverse Bewohner brachten Anliegen vor. So kurz vor Wochenende, meiner damit anstehenden Abwesenheit, war in der Regel viel zu klären. Die unterschiedlichen Pflegedienste nannten Fragen zu Abläufen und Behandlungen. Der Hausmeister gab Alarm wegen eines Rohrbruches, dessen Behebung Stunden in Anspruch nahm und die Wasserversorgung des kompletten Wohnheimes unterbrach. Es ging zu – wie üblich – wie in einem Taubenschlag. Und die ganze Zeit saß er – der R – in einer Ecke, das Gesicht zur Faust geballt beobachtete er mich mit eiskalten Augen. Als sich endlich, endlich am frühen Abend mein Büro leerte, meinte ich, nun könnten wir gemeinsam einen Kaffee trinken. Und, ob er die Freundlichkeit besäße, einen solchen aus der Küche zu holen. Das tat er. Der Kaffee schmeckte gut. Anders als jener Kaffee für die Bewohner, der oftmals dreifach mit dem selben Kaffeesatz aufgebrüht und mit Salz gestreckt wurde. Weil Salz  Durst anregt. Denn schließlich wurden von der Kantine ähnlich wie in einem Krankenhauskiosk, Getränke verkauft. Meist alkoholische. Wein, Bier. Selten Wasser.

Wir tranken den Kaffee und er beobachtete mich weiterhin mit ostentativ verengten Augen.  So fragte ich ihn freundlich, ob er Probleme mit dem Stuhlgang habe, oder möglicherweise eines mit mir. In beiden Fällen empfehle sich das Hinausbefördern. Wie ich ihm dabei behilflich sein könne. Ich bin ein höflicher Mensch. Und dann schaute er sich um, stand auf, schloß meine Bürotür, die meist offen stand, drehte sich um zu mir und sagte mit gepresster Stimme: „Dir stünde Bauschaum gut. In allen Körperöffnungen“. Und als ich ihn irritiert nach dem Grunde für diese Annahme befragte, zischte er nur, wenn er erfahre, dass ich hinter der Anzeige stünde, könne mir niemand mehr helfen. R, antwortete ich, muss ich dich daran erinnern, dass du mich nicht leiden kannst, weil ich stets geradeaus meine Kritik verbalisiere? Es ist nicht meine Art, anonyme Kritik zu üben. Nun, ich wäre nicht die erste Mitarbeiterin der Vereinsgeschichte, die spurlos verschwände, erinnerte er. Darauf lächelte ich ihn an und erklärte ihm, dass ich über dieses Gespräch meinen Anwalt informieren werde. Für den Fall, dass ich spurlos verschwände. Ja, das war die Zusammenarbeit in meinem letzten Job.

Vielleicht sollte ich an dieser Stelle noch bekennen, dass mich – nach dem legendären Unfall – Alpträume plagten. Alpträume, in denen mich der R und der Y durch Wälder jagten und ich um mein Leben lief. Ich würde lügen, behauptete ich, all dies hätte keine Spuren hinter lassen. Später. Mit Abstand wurde ich mir dieser bewusst.

Es gibt einige Wenige, die es mit erlebten. Don Matteo zum Beispiel. Wenige, die involviert waren. In diesen Terror. In das ewige, alltägliche Mobbing. Die ständigen Erniedrigungen. Die kriminellen Machenschaften. Die akribisch betriebene Zersetzung einzelner Mitarbeiter*innen. Diese Kluft zwischen Abschaum und Notwendigkeit.

Grundsätzlich aber erzählte ich nach Außen stets nur von meinem Job als Heimleiterin. „Ach,“ bemitleideten mich die Meisten, „Hut ab. Also so einen Job mit solchen Leuten könnte ich nicht machen. Toll, dass Du das schaffst.“

Dabei war die Tätigkeit mit diesem Klientel derartig bereichernd, dass sie mich hielt, dass sie mich abwägen ließ zwischen nostalgischen Marotten, ausbeuterischen Repressionen und guter, sinn_voller Arbeit. Ich verdrängte. Den Großteil. Das Schlimme. Die Drohungen. Die ständigen Übergriffe. Die Demütigungen. Die Schikane. Es gab einfach so großartige Momente. Wie bereits erwähnt, wenn von Ärzten und Therpeut*innen Abgeschriebene genasen. Wenn sie soweit gesundeten, dass sie zurück in ein selbst bestimmtes Leben kehren konnten. Aber auch die Beheimatung im hospitz-ähnlichen Bereich war nicht selten wunder-bar. Wenn Menschen, die sich selber und/ oder denen das Leben hart mitgespielt hatte, mit leuchtenden Augen verkündeten, sie fühlten sich Zuhause, sicher, gut. Das waren schöne Momente. Kostbare Momente. Momente der Stille im Lärm, der Fülle in der äußerlichen Armut.

Als Psychose bezeichnet man eine schwere psychische Störung, die mit einem zeitweiligen Verlust des Realitätsbezugs einhergeht, oftmals von akustischen und visuellen Wahnvorstellungen begleitet wird. Viele langjährig an Sucht erkrankte entwickeln psychotische Störungen. Und so gab es jenen psychotisch Erkrankten, der von seinen Dämonen getrieben wurde. Tag und Nacht. Wir fanden eine Sprache miteinander und er begann zu malen. Seine Dämonen, dessen Namen er nicht nennen durfte. Die ihn trieben. Und je mehr er sie materialisierte, desto weniger bemächtigten sie sich seiner. Er starb friedlich. Das waren die Momente, in denen ich um den Sinn meiner Tätigkeit wusste und spürte.

Oder jener andere, ebenfalls Psychot. Ein ganz wundervoller Mensch. Hochsensibel. Musisch. Herrmännschen. In seinen guten Momenten kam er zu mir, legte mir einen Bildband auf den Schreibtisch, nahm meine Hände, legte sie auf ein Gemälde und sagte: „Fühl nur, Natascha, diese Farben, fühl diese Farben und ihre wundervolle Melodie.“ Und dann schloss ich die Augen und ließ mich lehren, Farben und ihre Melodie zu fühlen.

„Die Psychoten,“ sagte eine meiner Lieblings-Betreuerinnen, „sind die Schmetterlinge unserer Gesellschaft. Sie zeigen uns die Leichtigkeit und Buntheit des Lebens.“ Nun, ich lernte viele Arten der Psychosen, Blüten und Auswüchse des Wahns kennen und die wenigsten erinnerten an die Leichtigkeit und Buntheit des Lebens, viele ähnelten blutigen Klüften in klaffende Abgründe. Dennoch hatte sie recht. Diese Menschen sind so unglaublich sensibel. So feinsinnig. Die Wahr-nehmung mag eine andere, kaum ge-normt, sehr individuell, deswegen trotzdem nicht verkehrt sein. Sie sprechen in Farben, in Symbolen, eine eigene Sprache, die oftmals auch nur ihre Erkrankung und ihre Qual erzählt.

Einer, Peter, zog den Kopf ein, schob ihn zwischen die Schultern, seine Arme umfingen den knöchrigen Leib und er stieß hervor: „Satan, ich spüre Satan. Der Sog. Die Kälte. Er kommt. Er kommt.“ Dann fing er an, sich beruhigend zu schaukeln, vor und zurück, und einen seltsamen Singsang von sich zu geben, seine Augen wurden abwesend und er war nicht mehr ansprechbar. Es dauerte dann Stunden bis er in das Jetzt zurückkehrte. In der Regel, wenn er „Satans Ankunft“ spürte und ankündigte, waren wenige Minuten später der R, die X, oder der Y in meinem Büro, Minuten vorher auf dem Objekt eingetroffen. Peter hatte seine eigene Sprache. Die Sprache seines Wahnes mag um einiges deutlicher gewesen sein, als die scheinheilige Realität.

„Schrie er gerade, Satan naht?“ vergewisserte sich Don Matteo, mit dem ich oft von der Arbeit aus telefonierte. „Yepp,“ bestätigte ich. „Und diese andere Stimme im Hintergrund, das war doch gerade R?“ „Yepp.“ „…womit er den Nagel auf den Kopf trifft,“  sprach der liebe Freund. Und recht hatte er.

„Was ist mit dem Idioten los?“, fragte der R mich, als Peter – in meinem Büro sitzend – bei Rs Eintreffen bereits in seinen Trance-Gesang und das rhythmische Schaukeln entschwunden war. „Er teilte mir Satans Ankunft mit,“ gab ich zurück und schaute ihm fest in die Augen. Und der R? Er lachte. Laut und boshaft. Ich hätte Peter nicht derart verraten dürfen, denn natürlich machte sich der R ab diesem Zeitpunkt einen Spaß daraus, Peter in Ecken zu drängen und mit tiefer Stimme zu verkünden: „Ich bin SATAN“. Er fand es lustig, wenn Peter sich aus Angst in seinen Gesängen entschwand. „So ein Vollidiot“, lachte er dann. Der R. Ich erzählte dem Y davon. Dass ich es nicht wünsche, dass der Klient derart eingeschüchtert werde. Der Y fand es ebenfalls lustig und probierte es bei einem Zusammentreffen mit Peter aus. Er schüttelte sich aus vor Lachen, als Peter sich zu wiegen begann. So, wie man sich freut, wenn ein Hundchen ein putziges Kunststück vorführt.

Eines Nachmittages erhielt ich einen Anruf von der Wache. Eine junge Frau stünde an der Rezeption und bitte um ein Gespräch mit mir. Ob ich Zeit hätte. Yepp, hatte ich. Wenig später saß mir eine zarte, blonde Frau gegenüber. Eine junge, ausgesprochen hübsche Frau, Ende zwanzig, nahm ich an. Ihr schmales, blasses Gesicht wirkte unnatürlich eingefallen.  Ob ich sie kenne, mich an sie erinnere, fragte sie. Leise. Nein, das tat ich nicht. Sie sei die M., ehemals Pflegekraft beim täglich anwesenden Pflegedienst W, in dem zweiten unserer Wohnheime beschäftigt. Entfernt und nur verschwommen erinnerte ich mich an sie. Hatte ich doch beruflich mit ihr, die sie in dem anderen Wohnheim tätig war, keine Berührungspunkte.

Ich fragte, was ich für sie tuen könne. Nun, sie sei nun sehr lange krank geschrieben, ob ich davon gehört hätte. Ja, das hatte ich. Dass irgendeiner Pflegekraft dauer-krank sei. Ich erinnerte nicht sie, aber das Gerücht war mir bekannt. Ebenso, sie habe mit schweren Depressionen zu kämpfen. Der Buschfunk dramatisierte, sie habe einen Suizidversuch hinter sich.

So, wie der B. Der B, der im zweiten Wohnheim tätig war. Unser IT-Spezialist. Eine liebe Seele. Der B. Ein Bein amputiert. Unfall. Als junger Kerl betrunken unter einen anfahrenden Zug gekommen. Wenn man sich den Preis dafür überlegt, ist ein Bein verhältnismäßig gering. Nichtsdestotrotz wurde er gerne vom Y „Hinkebein“ gerufen. Zuweilen hatte der B starke Schmerzen. Phantomschmerzen. Die Trauer um verlorenes Glück, welches er seinem Bein anlastete. Dann hinkte er besonders stark und diente damit dem Amüsement des Y.  Eines Nachts verschickte er über seinen Job-Account eine email, gleichzeitig adressiert an Polizei, den Y, die Z, drei weitere Kolleg*innen und mich. In dieser email schrieb er,  er halte das Mobbing, die ständigen Erniedrigungen, die dauernde Demütigung und den Undank nicht mehr aus. Er nahm Tabletten. Viele. Mit Alkohol. Ich hörte nie wieder von ihm. Auf meine Nachfrage erklärte der Y, der Idiot habe eben nicht mehr alle Tassen im Schrank und müsse sich erst wieder auf die Reihe kriegen. Bevor man ihm die Kündigung überreiche und ihn bis dahin freistelle. Immerhin lebte er noch. Laut Ys Aussage. Ich hörte nie wieder von B. Sah ihn nie wieder. Las nie wieder von ihm. Möge es B gut gehen, wo auch immer er sich gerade befindet.

Nun saß ich der jungen, zarten Frau gegenüber, die zitternd anfragte, inwiefern mir ihre Erkrankung bekannt sei. Ich wartete, bis sie es stockend erzählte. Der G., setzte sie an, hielt wieder ein. Nahm einen tiefen Atemzug. Der G, jener nostalgische Freund des Oberchefs, mein ehemaliger Vorgesetzter… sie habe gehört, Andeutungen, von einem Übergriff, von ihm, von mir. Der Buschfunk trommelte zuverlässig. Ich bestätigte nicht, sondern wartete. Und dann erfuhr ich an diesem Nachmittag von ihrem Leid. Wie der G angefangen hatte, ihr an den frühen Abendstunden,  immer dann aufzulauern, wenn die mobilen Bewohner des zweiten Wohnheimes oft außer Haus und kein Besuch von Ämtern und Richtern zu erwarten waren.

Wie er sie begrapscht und genötigt hatte. Geld zugesteckt. Wiederholte Übergriffe. Anfänglich hatte er sich nur an ihr gerieben. Später vor ihr befriedigt. Noch später wollte er sie zum Beischlaf zwingen. Wenn sie nicht ruhig wäre, hatte er zu ihr gesagt, dann werde er ihre Pflegedienst-Chefin wissen lassen, dass sie sich bei den Bewohnern prostituiere. Gegen Geld. Dass sie stehle. Geld. Und das ginge nicht, flüsterte die junge Frau verzweifelt mit hohlen Augen. Sie sei doch allein-erziehend und der Vater zahle keine Alimente.  Und wenn der G dies jemals erzählen würde, dann bekäme sie nie wieder einen Job in der Pflege. Und sie könne doch sonst nichts. Ich hörte ihr zu. Fragte, ob sie ein Gespräch mit den Oberchefs wünsche. „Mit der  X und mit dem Y?“ nannte sie die Namen von Chef und Chefin.  Mit denen, whisperte sie, hätte sie doch gesprochen. Sie hätten nur gelacht. Und sie weinte. Lange. Und still. Und dann sagte sie, ich dürfe niemanden erzählen, was sie mir gerade erzählt hätte. Sie würde nur denken, es könnte mir helfen. Damit ich mich nicht so allein fühle. Wie sie. Damals.

Das Leitungsbüro – mein Büro – besaß einen Vorraum. In diesem Vorraum traf man sich zum gemeinsamen Mittagessen, oder um von dort aus das einzige Fax des Hauses zu nutzen. Ich merkte, noch während des Besuches der jungen Frau, dass sich eine unserer Sozialbetreuerinnen unnötig lange im Vorraum aufhielt. Mir war klar, dass sie lauschte. Und mir war klar, dass sie jedes Wort hören würde, da das Leitungsbüro nur mit hauchdünnen Regipsplatten vom Vorraum getrennt wurde. Diese Sozialbetreuerin war erst zwei Monate vorher aus dem Wohnheim 2 zu uns gewechselt. Ich mochte sie. Eine etwas verrückte, temperamentvolle, aber sehr liebenswerte Person. Man hielte den Wechsel für bereichernd, erklärten der Y und die X, als sie in mein Team abgestellt wurde. Sie sei die Einzige, mit etwas Grips in der Birne und könne von mir lernen, um dann nach ungewisser Zeit zurück in das andere Wohnheim zu kehren.

Diese Kollegin wartete nun im Vorraum. Und als ich die junge Pflegekraft verabschiedete, deren Krankschreibung ihre Reaktion auf den sie drangsalierenden G war,… da klopfte wenig später die Sozialbetreuerin an meine Tür. Ich schaute auf und sah in ihr verweintes Gesicht. „Mit mir hat er es ähnlich gemacht, ich hab ihn nicht mehr ertragen.“ „Das kann nicht sein,“ entfuhr es mir, „So ein Schwein. Der kann doch nicht sämtlichen Kolleginnen das Leben zur Hölle machen. Wir rufen jetzt X und Y an und bestehen auf ein Gespräch. Und wir bringen diesen Mistkerl zur Anzeige.“ Die Kollegin brach in Tränen aus. Als ich den Telefonhörer griff, drückte sie meine Hand, die den Hörer ergriffen hat, zurück auf das Telefon. Kopfschüttelnd blickte ich sie an. „Sie wissen es. Beide,“ presste sie hervor. „Sie wissen es beide?“, fragte ich ungläubig. „Natürlich wissen es beide,“ stieß sie hervor, „Und, ja, sie lachen. Natascha, mach die Augen auf, sie lachen und sie dulden es. Was glaubst du, wieso ich hier bin?“

Da wurde mir sehr spät erst klar, dass das mir Widerfahrene  der X wie auch dem Y bekannt war. Mir hatten sie gesagt, ich hätte es provoziert. Waren belustigt über meine Empörung. Taten sie ab. Nahmen mich nicht ernst. So schien es. Aber jetzt erkannte ich, dass sie mich sehr wohl ernst genommen, nur ent-machtet hatten. Masche. Bequemlichkeit. Duldung. Deckung. Verschleierung.

Dies geschah wenige Tage vor einem illustren Sommermorgen im Jahre 2013. Auf dem Weg zur Arbeit standen wir vor rotem Ampellicht, als uns der Unfallverursacher mit 80 Stundenkilometern auffuhr. Mich riss es unerwartet aus dem Alltag. Es folgten OPs, es folgten noch mehr OPs, es erfolgten Eingriffe, es erfolgte die erste, die zweite und schließlich eine dritte Reha. Lange Zeit war nicht absehbar, inwiefern ich überhaupt jemals wieder hergestellt und arbeitsfähig sein würde. Meine unglaublich sozial eingestellten, nostalgischen Chefs, die X und der Y, hehre Kämpfer wider dem Kapitalismus, kündigten mich. Das geht. Das geht als gemeinütziger Verein. Es geht unter bestimmten (fingierten) Bedingungen. Es geht problemlos, dass man sich einer unliebsamen Mitarbeiterin derart entledigt. Nach zehn Jahren waren sie der Meinung, dass Wohnheim habe sich nun derart gut etabliert, wie sich heraus stellte, irrten sie damit, was mich enorm freut…, dass es auch von alleine laufe. Sie hielten es für den geeigneten Zeitpunkt, sich endlich meiner zu entledigen.

Es gibt nicht Ein-en in meinem Bekanntenkreis, der nicht erleichtert aufgeatmet hätte, als ich von meiner Kündigung berichtete. „Ich bin so froh, dass du aus diesem Irrenhaus endlich raus bist,“ sagte mein lieber Freund und Seelenbruder Don Matteo. Und mit dem Irrenhaus meinte er nicht das Klientel, sondern die Chefliga und ihre bizarren Machenschaften.

Es hat Monate gebraucht, bis ich all dies verstehen und begreifen konnte. Es bedurfte der Vogelperspektive des Rückblickes. Um zu Be-greifen, dass Wahnhafte zuweilen näher an der Wirklichkeit sind und Normalität durchaus vollständig wahnsinnig sein kann.

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Selbstverständlich ist dieser Text frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind reiner Zufall. Reine Fiktion. Alles. Bis ins Detail. Produkte meiner überschäumenden Fantasie,

auf virtuelles Papier gebracht im Rahmen des Projektes..

Ich bin zwar keine große Liebhaberin von Liedermachern, aber dieses Mal muss ich doch glatt einen verlinken. Das Narrenschiff von Reinhard Mey. Passt wie die Faust auf.s lachende Auge! Und, Himmel, ja, ich bin meinem Schicksal dankbar, dass es mich von diesem Narrenschiff riss, bevor ich dort untergegangen wäre.

 

 

 

 

 

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