m-eine kleine Bergpredigt

Wildes Fleisch II

BP13

Sie hatte mir nur zwei Dinge mit auf den Weg gegeben. „Lauf, so schnell du kannst“ und „Hüte dich vor den Wölfen“. Dann hatte sie gelacht. Laut. Irr. Geckernd. Sie war mir unheimlich. Unberechenbar. Unaufmerksam. Unaufrichtig. Alles an ihr war bipolar. Sie lächelte und ich spürte den Hass. Sie schlug und ich ahnte ihre Liebe. Sie schickte mich fort, um mich an sie zu binden.

Inmitten einer dunklen Winter-Stunde erwachte ich aus unruhigem Schlaf. Die Nacht hatte ihren samtenen Umhang ausgebreitet, um alles in ihrer Dunkelheit zu verhüllen. Ich orientierte mich, schloss die Augen, spitzte die Ohren. In der Ferne hörte ich ihren Atem. Gleichmäßig. Jeder Ausatemstoß von einem winzigen Schnarcher beechoet. Sie schlief tief. Sie schlief fest.

BP3

Auf nackten Sohlen schlüpfte ich aus meinem Bett. Die Füße berührten die kalten Fliesen und eine Gänsehaut zog sich über Haut und Nerven. Nur vier Schritte waren es hin zu dem Kleiderschrank, in dessen Ablage ein geschnürtes Paket und ein Rucksack geduldig warteten. In dem Rucksack befand sich Kleidung. Unterwäsche. Strümpfe. Pullover. Eine Hose. Ein leichtes Jäckchen. Die dicke, so hatte ich geplant, würde ich überziehen. Leise glitt ich aus dem Nachthemd, schlüpfte in Unterwäsche, Strumpfhose, die Hose, ein dünnes Hemdchen, einen Rollkragenpullover. Den dicken Anorak zog ich über, verstaute die Handschuhe in seinen Taschen, bevor ich mir den selbst gestrickten Schal locker umwarf. Ein zweites Paar dicke Strümpfe. Über die Hose. In die Wanderschuhe. Jeder Handgriff saß. Einstudiert in 100 Tagträumen. Repetiert in nicht enden wollenden Alpträumen. Die Dunkelheit erwies sich als meine Verbündete. Jeder Handgriff saß. Der Rucksack war fließend übergestreift, das kleine Bündel gegriffen. Ich hielt inne.

Bergpredigt3

Aus der Dunkelheit klang ein ungewohntes abruptes Schmatzen, welches sich in ein Röcheln erbrach, sich seinen Weg bannte und an meinem Trommelfell zerschellte. Ich verharrte. Erstarrte. Mein Herzschlag brach sich tausendfach in den Innenwänden meines Selbst – an der Angst. An der Wut. Würde ich zur Verräterin meines Selbst werden? Ich schalt mich stumm, mahnte mich zur Ruhe.  Nur so würde mein Vorhaben gelingen. Das Röcheln war in den schleppenden Rhythmus des Schnarchens übergegangen. Sie schlief. Schließlich, als die Nacht nichts als Frieden preis gab, setzte ich zur Bewegung an. Je mehr ich mich bemühte, umso schwerer schien jeder Schritt, die Stiefel wie mit Blei ausgegossen. Doch die Nacht schluckte meine Kollaboration und so stahl ich mich in einer gefühlten Ewigkeit aus meinem Kerker. Die Wohnungstür war offen. Weil sie es nicht mitbekam, als ich begann, meine Flucht vorzubereiten. Abends. Immer dann, wenn sie das Bad aufsuchte, war ich in unzähligen Nächten an die Tür gehuscht. Kaum, dass die Toilettenspülung erschall, hatte ich den zierlichen Schlüssel in der Wohnungstür gedreht. Zwei Mal. Um zurück zu huschen, leise, mich schlafend stellen. Ihren zuweilen auch nächtlichen Terror mit der stoischen Gelassenheit hinnehmend, die mir dieser Joker schenkte.

BP11

Jetzt war es soweit. Die Tür dennuzierte mich nicht. Die Scharniere hatte ich akribisch geölt. Wöchentlich. Ebenso das Schloss. Nun gehorchte die kalte Klinke meiner zitternden Hand und gab willenlos nach. Kaum, dass ich die Schwelle übertreten, schloss ich die Türe. In der Aufregung rutschte der Türgriff aus meiner Hand, schnalzte mit einem lauten Geräusch zurück. Die Angst trieb mir Tränensalz in die Augen, die jäh entzündete Wut auf mich selber ließ die Kehle eng und staubig werden. Ich blinzelte durch den Tränenschleier, schluckte. Laut. Doch die Tür blieb verschlossen und das im Vorfeld vernommene Schnarchen sang seinen unregelmäßigen Rhythmus nur noch dumpf in die Nacht.

BP4

Ich stand im Treppenhaus. Der Muff der anderen Familien hatte sich unter den Wohnungstüren hierhin geflüchtet. Es roch abgestanden und ranzig. Als würden die Lebensgerüche der Bewohner sich in der Heimlichkeit der Nacht geballt entfalten. Nur ein Stockwerk. Fünfzehn Treppenstufen. Unzählige Male whispernd gezählt. Doch die Treppe war aus Holz. Ein hölzerner Wurm mit gezwirbelten Säulen, der murrend ächzte, als ich mein Gewicht über seinen Rücken bewegte. Jede Ecke an ihm war mir bekannt, von jener Satteldecke, die sich über seinen Rücken spannte. Alt und ausgetreten, um den von unzähligen Tritten geformten Stufen als Schild zu gelten. Ich wusste genau, an welchem seiner Treppenwirbel er laut aufstöhnen und welche mich gefühl- und damit laut-los trugen. Nach einer Ewigkeit gelangte ich an die Haustür. Schwer und mächtig schien sie sich in der Dunkelheit zu einer neuen, bedrohlichen Größe vor mir aufzubauen. Wie ein mächtiger Riese verbaute sie mir meinen Weg, ich sah sie nicht, aber fühlte sie. Die in die Hüften gestemmten Arme. Nun forderte sie einen Zoll.

BP5

Auch an jenen hatte ich gedacht. In den vielen Monaten, in denen meine Flucht akribisch vorbereitet worden war. Bei einer jener unzähligen Einkaufstouren musste ich in dem Einkaufscenter vor Ort ein Paket abholen. Dort hatte ich den Schlüssel nachmachen lassen. Vorne, am Eingang. Wo ein gemütlicher, rundlicher, stets freundlich lachender alter Herr feinen Damen die Absätze neu besohlte, jungen Herren die Ledergürtel stanzte – und mir den Haustürschlüssel nachmachte. Dass er das nicht dürfe, hatte er erzählt und über sein rotwangiges Gesicht gestrahlt. Es sei ein Sicherheitsschlüssel. Und ich hatte nur genickt. Die Augen auf den Boden heftend. Damit der Blick mich nicht verrät. Ungeduldig. Sicher auf  ihn unhöflich wirkend. Vielleicht merkte er meine Angst. Die Dringlichkeit, die das Duplikat dieses Schlüssels besaß. Und er blieb freundlich. Und entgegenkommend. Während mir das Herz vor Glück zu zerbersten schien, als ich den Schlüssel endlich in Händen hielt. Ich versteckte ihn außerhalb des Kaufhauses in meinem Stiefel. Monate hatte ich den kleinen Gefährten stets im Strumpf bei mir getragen, um ihn abends, nach dem Ausziehen, in die Tasche der jeweilig für den nächsten Tag geplanten Jackentasche gleiten zu lassen. Jetzt lag er warm in meiner Hand. Geschmeidig glitt er in das Schlüsselloch, artig drehte und wand er sich und versöhnlich gab mich die dunkle Tür frei. In die Nacht. Gluckste kurz, um geräuschlos hinter mir zu schließen.

BP1

Draußen stoben kleine Schneeflocken, sie kitzelten meine Nase, küssten mein Gesicht und mich damit wach. Jetzt durfte ich mir keinen Fehler erlauben. Und so nahm ich die Füße in die Hand und lief. Ich lief, jene Strecke, die ich in meinen Fluchtträumen unzählige Male abgelaufen war. Wie ein Hase schlug ich Haken und erst, als der Birkenhain am Waldesrand erreicht, sank ich nieder. Atemlos. Schnee und Schweiß verbündeten sich, rannen brennend über mein Gesicht, die Brust, den Rücken hinab, sammelten sich in meinen heißen Händen. Ungläubig kniete ich dort, bis mir die Gewissheit die Synapsen zerbarst: meine Flucht war gelungen. Lachend schmiss ich mich in den Schnee. Mich hielt der Rucksack im Rücken nicht davon ab, mich zu wälzen, das Gesicht tief in die Schneedecke zu pressen, bis meine Seele sich beruhigt hatte und imstande war, meinen Weg fortzusetzen. Er war unerwartet beschwerlich, denn so dunkel hatte ich mir jenen Wald in meinem akribisch Details kalkulierenden Träumen nie ausgemalt. Und dennoch führte mich eine unbekannte Macht. Sicher. Den kleinen Berg hinauf. In Serpentinen tanzte ich durch die Nacht, hetzend, umrundete den Kegel in immer kleiner werdenden Kreisen. Mit dem Ende des Waldes, wa endlich der Gipfel erreicht, da dämmerte es bereits. Dort oben stand ich nun, blickte auf die schneeverwehte Landschaft, durch die sich in weiter Ferne am Fuße graue, zuckende Adern schlichen, die ich als jene bereits spärlich befahrenen Straßen unseres kleinen Dorfes identifizierte.

BP9

Während mein Blick prüfend durch das schneeregnerische Grau glitt, setze mich nieder auf die alt vertraute Bank. Wie oft hatte ich hier gesessen. Wie oft waren meine Finger über das spröde Holz geglitten. Wie oft hatte sich ein Splitter widerhakend in meiner Haut vertieft und mit mir ein Bündnis geschlossen. Zwischen mir. Und der Bank. Seit dem ersten Moment, als ich diesen erhabenen Ausguck entdeckt hatte, war ich regelmäßig hierher zurückgekehrt. Allein. Um zu verschnaufen. Von mir. Vor ihr. Vor meinem Leben. Als böte die Erhabenheit des vielleicht 1000 Meter hohen Gipfels Sicherheit durch eine lächerlichen Höhenunterschied von eventuell 500 Metern. Nun spürte ich Erschöpfung. Dort oben, in meinem bergigen Nest angelangt, schien die aufgebrachte Kraft meine Aufmerksamkeit einzufordern. Sie riss an mir, so dass ich erschöpft niedersank. Bleiern drückte sie auf meine Augen, riss an den Knochen, zerrte an den Muskeln. Ich rutschte auf der schneeverwehten Bank, bis der dichte Schneemantel mir Platz gab. Den Rucksack streifte ich ab, suchte kurz und fand die Marschnahrung,  eine Packung mit Keksen. Mit müden, eisigklammen Fingern zerriss ich die Packung, aß die Kekse. Trotzig. Ich kaute sie ohne Hunger. Entschlossen. So hatte ich es geplant. Immer schon. Ich kaute wütend. So dass die Kekse staubig in meinem Mund zerbarsten. Schnell war das trockene Mahl mit dem Inhalt der kleinen Trinkflasche zum Schweigen gebracht. Ein Iso-Getränk. So, wie ich es seit über einem Jahr tagtäglich zubereitet hatte. Wegen dem Mineralverlust. Beim Sport. Hatte ich behauptet. Das verstand sie. Das bespöttelte sie. Aber sie gewährte sie. Jene von mir seit vielen Monaten systematisch vorbereitete Irreführung.

BP7

Mit dem Essen und Trinken beruhigten sich meine aufgewirbelten Sinne. Langsam kehrte Ruhe ein. In das Herz. In die Gedanken. In den Körper. Müde wurde ich. Wie spät es wohl sein würde? Ob sie meine Flucht bereits bemerkt hatte? Ob sie mich suchen würde? Nein, das würde sie sicherlich nicht. Dessen war ich mir gewiss. Auch ihres Hasses, den die Erkenntnis in ihr entfachen würde, sobald sie meine Flucht realisieren würde. Die Sonne hielt sich verschwörerisch hinter einer dicken, grauen Wolkendecke zurück. Langsam hatte das Schneetreiben wieder eingesetzt. Mittlerweile stoben die Flocken dicht. Ich lehnte meinen Kopf zurück, ließ ihn in das Genick und die Schneeflocken in mein Gesicht fallen. Mich behutsam zudecken. Eine unendliche Müdigkeit ergriff mich.

BP6

Ich hatte nur bis hier gedacht. In meinen kühnsten Träumen hatte ich das Ziel, mein Asyl, meinen Falkenhort nie, oder nur selten erreicht. Meine Sehnsucht hatte dem Erreichen dieses Zieles gegolten.  Von dort, davon war ich ausgegangen, nie skizziert, nur verschwommen formuliert, würde ich weiter ziehen. Bis ich in eine andere Stadt gelangte , dorthin, wo mich keiner kennen würde. Jetzt fielen mir die relevanten Fragen ein. Wie sollte ich in der anderen, unerreichten Stadt überleben? Wie meine Identität verschleiern? Wo sollte ich hin? Die Schwere der unbeantworteten Fragen peitschte wie Schläge auf mein verwundetes Herz. Ich wusste nicht wohin, nur, dass ein Zurück ausgeschlossen sein würde. In bleierner Müdigkeit griff ich zu dem geschnürten Bündel. Meine Kuscheldecke aus Kindertagen, sorgfältig gewickelt um meinen besten Freund aus Kindertagen, einen alten, lieb und kahl gekuschelten Teddy. Purzelbär. Ich legte mich nieder in jenes Bett, dessen Daunenschnee mich behutsam aufnahm, nahm den Teddy fest in meine Arme und legte mir die Decke über die Schultern. Symbolisch. Dem Schnee, der Kälte vermochte sie nicht zu trotzen. Kaum dass ich lag und in die graue Unendlichkeit über mir blinzelt, verdichtete der Schneefall. Vorsichtig streichelten mich die Schneeflocken, raunten mir zu, die Augen zu schließen, und sangen ein Traumlied so zärtlich, dass sich ein Lächeln in mein Herz stahl. Der Schnee, er würde mich nicht verraten, er würde mich ummanteln und verstecken. Dessen war ich mir gewiss. Und dass alles gut werden würde. Und so schlief ich ein.

Wieviele Stunden ich gelegen habe? Dort im tiefsten Winter? Auf jener Bank auf jenen Berg an jenem Dorf, welches meine Tränentäler und Höllen ver-barg? Ich erinnere, wie mich Feuer weckte. Es fraß an meinen Gliedmaßen, ließ mich von innen verbrennen. Gleißende Zungen bissen ihre Widerhaken, als wäre mein Körper mit Säure ausgegossen. Als ich aufstand, sank ich ein, meine Beine wollten mich nicht halten. Wie ich zurückkam? Ich weiß es nicht. Ich erinnere es nicht. Nur, dass ich mich erbärmlich fühlte. Gescheitert. Ausgeliefert. Dieses Gefühl war erhaben über dem Feuer, welches mich zerriss, es thronte darüber. Hämisch. Verurteilend. Meine Erinnerung setzt erst ab dem Moment wieder ein, als ich im Wohnzimmer stehe. Ich stehe im Türrahmen und um mich herum hat sich eine große Pfütze gebildet. Meine Zähne verraten mich. Sie schlagen aufeinander wie irre Pferde, deren Hufe über Backstein toben.

BP1

Vor mir, in der nur mit einer kleinen Tischleuchte spärlich zerschnittenen Dunkelheit des Raumes, heben sich bedrohlich, durch das Dämmerlicht in Schemen getunkt, der Wohnzimmertisch, die Sitzgarnitur und jener Stuhl ab, in dem meine Mutter sitzt. Den Rücken hat sie mir zugewendet. Sie ist ein Schatten. Ein großer, allmächtiger, schwarzer Schatten. Langsam dreht sie sich. Erst sehe ich ihr Profil. Angstvoll. Erwartungsvoll. Zähneklappernd. Schlotternd im Würgegriff jener Flammen, die nun jede Pore von mir ergriffen haben. Langsam hat sie sich umgedreht. Betont langsam. Gefährlich langsam. Bis sie mich erfasst. Ihr Gesicht eine eingefrorene Maske. Ihre Augen wirken im Dämmerlicht, welches sie in grauen Schattierungen zeigt, schwarz. So schwarz, wie sie stets wirkten, wenn der Dämon von ihr Besitz ergriff. Ihr linker Mundwinkel hebt sich zu einem verächtlichen, spöttlichen Lächeln. Ihre Lippen gleiten über ihr Gebiss, sie bleckt es und bricht in böses Lachen aus. Ihr Lachen bricht sich tausendfach und ergießt sich wie Benzin über jenem Feuer in mir. Ich stehe still. Nun bebt ihr Körper von Lachen, ihre Hände greifen an ihren Bauch und halten ihn, während das Lachen sie erbeben lässt.

BP8

Es war meine erste Lungenentzündung. Ich war neun. Später schlug sie mir großzügig eine Abkürzung durch ihre und meine Qualen vor. „Wenn du das nächste Mal sterben willst“, hob sie an. Nicht verstehend. Nicht verstehend, dass meine Flucht meinem Überlebenswillen, nicht dem Tod galt. „Dann mach es gefälligst richtig,“ spie sie ihr Gift. In den Händen hielt sie eine der Schubladen der Flurkommode. Jener kleinen Kommode, die acht Schubladen besaß. In den oberen zwei Schubläden befanden sich Schlüssel und Handschuhe. In den unteren sechs Schubladen Medikamente. Medikamente in rauhen Mengen. Medikamente, die sie von einer Bekannten erhielt, die als Nachtwache tätig, sie mit erwünschten Substanzen belieferte. Thematisch geordnet waren die Inhalte der Schubladen. Eine mit Hustenpastillen und Erkältungsbalsam. Eine weitere, in der akribisch aufgerollte Verbandsrollen neben Pflaster artig aneinandergereiht. Eine weitere mit Gelenk- und Rheumasalben. Sie hielt mir die Schublade mit den Schlaf- und Schmerz-mitteln hin. Jahre später, im Rahmen meiner beruflichen Tätigkeiten begegneten mir diese Medikamente. In der Endpflege. Rohypnol. Novalmin. Codein. Als Flüssigkeit. Als Tabletten. Als Kapseln. „Nimm sie“, whisperte sie raunte es mir verschwörerisch zu, legte es wie einen Bann über mich, „nimm von jeder Packung eine, löse sie auf, in Saft. Löse sie auf in Saft. Verstehst du mich? Du musst sie auflösen. In Saft.“ Drei dieser Packungen, aufgelöst, eingenommen wären tödlich gewesen. Das erfuhr ich später. Als Erklärung, warum der Medikamentenschrank der Station stets abgeschlossen gehörte. Die Schubladen der Kommode samt tödlicher Fracht waren frei zugänglich. Für mich.

Vielleicht war es genau dieser Moment, als sie mit diesem Funkeln in den Augen die Schublade wie eine verheißende Offenbarung vor mir schwenkte, als sie mir suggerierte, ich solle sie nehmen. Aufgelöst. In Saft. Vielleicht war genau dieser Moment, als ich verstand, dass mich der Tod auf dem Berg von der Schippe gestoßen. Dass er mich nicht wollte. Noch nicht. Dass nicht ich den Zeitpunkt unseres Zusammentreffens zu bestimmen hatte. Und genau so wenig sie. Als ich begriff, dass ihr mein Tod ein Entgegenkommen gewesen wäre. Als mir klar wurde, dass ich ihr tot ein treueres, besseres, liebens-werteres Kind sein könnte. … und als sich mir ihre unverhohlene Tödlichkeit offenbarte. Vielleicht war dies jener Moment, in dem ich mich mit vollen Sinnen für mich entschied. In dem ich begriff, dass man der Dunkelheit nie die Hand reichen kann ohne verschlungen zu werden. Und in dem ich in meinem Herzen ein Licht entzündete. Ja, vielleicht.

Bergpredigt1

Diese Geschichte wurde niedergeschrieben, um anTeil zu werden von

Dominik Leitners Projekt Text. 

Das zweite Wort. • *.txt, Berg. 

=> http://neonwilderness.net/2016/02/03/das-zweite-wort-2016-txt/

 

Ähnlicher Artikel:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

zehn + dreizehn =