Mein verhungertes Selbst

Anorexia

Die lesens-werte Rosenherz inspirierte mich mit ihrem Beitrag Fremdkörper.
In eben diesem beschreibt sie, im Kino „Danish Girl“ gesehen zu haben. Dieser Film rankt sich um einen Mann , von dem die erste Geschlechtsangleichung zur Frau bekannt ist. Berührt von dem Film schreibt Rosenherz

Was meinen wir alles tun zu müssen, um uns als Frau zu fühlen? Was alles tun wir Frauen, um einem vorherrschenden Bild zu entsprechen?
Augenbrauen zupfen, Wimpern tuschen, die Lippen nachzeichnen, die Augen betonen, Haare färben, Haare stylen, Haare entfernen an Achseln, Beinen, Gesicht und Intimzone, sexy Unterwäsche tragen, Büstenhalter anziehen.

Die Körperform in Mieder pressen, in Strümpfen schwitzen, Fingernägel lackieren, die Füße maniküren, Fett absaugen, Nase und andere Köperteile korrigieren, im Fitnessstudio trainieren, Morgensport betreiben.

Sich in Kleider, Kostüme oder Hosenanzüge zwängen, in High Heels leiden, Diät halten, Gesicht und Schamlippen mit Botox auspolstern lassen, Brustimplantate einsetzen lassen.

Wann ist eine Frau eine (attraktive) Frau? Wann ist eine Frau ein erfreulicher Anblick, in der Öffentlichkeit, im Privaten?

Großartige Gedanken. In der mir eigenen ausschweifenden Art, kommentierte ich. Meine Kommentare sind mir im übrigen stets ein innerer Zwiespalt. Ich kommentiere nur, wenn ernsthaftes Interesse an Autor*in und Text gegeben, wenn mich etwas be-rührt, an_schwingt. Dann ist es für mich eine Sache des Respektes, dies mit-zu-TEILEN. M-ein Danke für die Inspiration. Ist natürlich eine Gratwanderung in fremder Leute Bloglandschaften ausufernde Monologe zu kritzeln und kann schnell als vollkommene Ich-Fokus.siertheit verstanden werden. Das wäre schade. Ist aber in unseren Zeiten, wo Blog-Kommentare überhaupt Seltenheitswert besitzen und sich in der Mehrzahl auf „Total super! Und besuche mich doch einmal auf der Seite „htätäpe://sagmirsofortdassichauchsuperbin.de“ beschränken. Aber ich beliebe erneut abzuschweifen.

DENN tatsächlich hat Frau Rosenherz damit ein für mich tief-reichendes! Thema angetriggert.

Wie Ihnen aus meinen vergangenen Ausschweifungen bekannt, erwuchs ich jenseits einer klar deklarierten, ausprobierten Weiblichkeit. Ich war einfach ich, ein wenig lausbübisch und durch die Eigenheiten meines Vaters optisch eher jungenhaft. Ich wurde neun, ich wurde zehn, ich wurde elf. Meine leiblichen Eltern trennten sich. Meinen Vater verschlug es in die unerreichbare Ferne. Meine Mutter ergab sich ihrem Schicksal, hatte hinlänglich mit sich zu tuen. Da sie in dieser Phase beliebte, Unmengen Alkohols zu konsumieren, stand ich mit meinen pubertären Verwirrtheiten hinten an.

In unserem Garten stand ein kleines Haus. Ein kleines Häuschen bestehend aus einem Zimmer, einer Küche, einem Bad. Dieses Häuschen war untervermietet an Junker Otten. Nein, der Name entspringt nicht meiner Fantasie. Junker Otten war ein aristokratischer, feiner, älterer Herr. Studienrat. Zeit meiner Kindheit flitzte ich in sein Häuschen und lauschte seinen Erklärungen und Ausführungen. Junker Otten. Da war kein Argwohn und keine Angst. Nur Wissbegierde und Naivität meinerseits.

Bis ich neben ihm auf seinem alten Sofa saß und in den alten, stets etwas moderig riechenden botanischen Büchern im Vorfeld gesammelte Blümchen wieder zu finden suchte. Da lag seine Hand auf meinem Kinderknie. Sie schob sich und damit mein Röckchen hoch, hernach griff sie an mein Höschen und lupfte es. Ich erstarrte. Wie das Kaninchen vor der Schlange. Diese Starre nahm mir die Kraft zu schreien, mich zu wehren, zu entsetzt war ich ob dieser unerwarteten Situation, dieses Übergriffes. Er wolle nur mal schauen, ob da schon Häarchen wachsen würden. Sagte er, als ihm meine entsetzte Starre in das Bewusstsein träufelte. Für mich war es eine Ewigkeit, die ich in dieser und mit ihm gefangen war. Seine Stimme erlöste die Starre. Aus einem Reflex schlug ich die Bücher vom Tisch in seine Richtung. Ein Tasse flog in hohem Bogen, eine kirschsaftblutige Spur ziehend. Und während er sich wendete, den Flug der Tasse aufzuhalten, war ich auch schon hinaus. Durch das Fenster. In den Garten. In mein Zimmer. Dort krabbelte ich zitternd unter den Tisch, bis sich der Herzschlag beruhigt hatte, der in meinen Ohren dröhnte. Und da packte mich die Wut. Und mit der Wut der Mut. Und mit diesem Mut bewaffnet, eilte ich die Treppe hinab zu meiner Mutter, die am Esszimmertisch saß und stieß empört hervor, der Junker Otten hätte unter mein Höschen geschaut. Die Augen meiner Mutter verengten sich zu Schlitzen. Was das heißen solle, stieß sie hervor. Und ich sah und spürte die Wut und mißinterpretierte diese als solidarisches Mitgefühl. Also wiederholte ich arglos das Geschehene. Einen kurzen Moment hielt meine Mutter inne. Einen Moment, den ich bald nutzen lernte, um die Flucht zu ergreifen. Zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Es waren keine Hände, sondern Worte die schlugen, als sie laut auflachte, mich verspottete und schließlich drohend auf mich zuging, was es mir einfalle, diesen feinen, alten Herren derart zu diskreditieren. Sie ging noch einen Schritt weiter, lief durch die Logia durch den Garten, baute sich vor dem großen Fenster des kleinen Häuschens auf, an dem Junker Otten schon stand. Und sie erzählte ihm, was ich ungezogenes Kind für Lügen über ihn erzählte.

Das war das zweite Mal, dass ich mich in meinem Leben verraten fühlte. Ein Verrat, der weitreichend war, da er sich wiederholte und mich lehrte, meine Mutter als ein anderes, gefährliches Wesen kennenzulernen. Als eine mir nicht wohl gesonnene Fremde. Nun gingen weitere Zeit ins Land. Das Leben mit meiner Mutter wurde nicht eben leichter und da es mir an Worten fehlte, entwickelte ich eine Magersucht. Diese Magersucht ging derart weit, dass ich laut dem Arzt, der einen Zusammenbruch diagnostizierte, umgehend  in einer Klinik zwangsernährt gehörte. Das brachte mir ordentliche Schelte von Seiten meiner Mutter ein. Ich sei eine Verräterin. Nicht nur, dass ich versagt und meinen Vater nicht gehalten hätte, nein, jetzt stelle ich sie auch noch als schlechte Mutter hin. Aber auch hierfür wurde eine Lösung gefunden. Ich wurde unverräterisch und ambulant „zwangsernährt.“ Es waren für zwei Wochen tägliche Infusionen angesetzt, die meinen schmächtigen Körper aufpeppeln sollten. Sie taten das Erwartete. Täglich fühlte ich mich besser und stärker und klarer. So lag ich also da, verkabelt, in einer trägen Trance den Tropf fixierend, wie er mir langsam das Leben wiedergab.

Er müsse mich abhören, sprach der Arzt. Doktor Hamrah. Internist. Ich war ihm so tief verbunden, so dankbar für die wieder gefundene Kraft, das Leben, das Erwachen aus dem Dämmerschlaf, so dass ich mich mit meiner Kabellage wie gewünscht auf die Seite drehte. Seine linke Hand fuhr blitzschnell unter mein T-Shirt, presste die winzige Brust, während er seinen weichlichen Körper auf mich hiefte und stöhnte. Auch hier überkam mich die von Junker Ottens Übergriff wohlbekannte Starre, aus der ich mich dieses Mal befreien konnte. Mit einem lauten Schrei winkelte ich den linken Arm an, um ihm diesen in den Körper zu rammen, sprang von der Liege, auf welcher ich die Infusionen erhalten, riss mir die Nadeln aus Handrücken (links) und Armbeuge (rechts) und flüchtete die Praxis.

Großer Fehler, ich flüchtete nach Hause. Mein Mutter hatte sich anscheinend schon reichlich der Zufuhr von Flüssignahrung gewidmet, saß mit einer Trinkgesellin im Wohnzimmer und beide fuhren zusammen, als ich in das gemütliche Szenario stürzte. Ich habe sicherlich keinen gepflegten Anblick abgegeben, denn die Nadeln hatte ich meinerm Körper entrissen, so dass die Stellen bluteten und ich sicherlich etwas mitgenommen wirkte,… als ich vor Aufregung haspelnd das Erlebte erzählte. Meine Mutter erstarrte. Einen winzigen Moment. Jetzt, aus der Vogelperspektive der Vergangenheit, weiß ich, dass sie die Wut wegen meines Verrates packte. Wie konnte ich aber auch nur einer Fremden (ihrer Promillefreundin) gegenüber die ärztlich verordneten Infusionen erwähnen? Einen kurzen Moment sah ich etwas in ihren Augen aufblitzen, was ich später als Hass verstehen lernte, zu diesem Zeitpunkt jedoch nicht das Warnsignal verstand. Und dann lachte sie. Und solidarisch setzte die Bekannte in das Lachen mit ein. Sie lachten laut und ihr Lachen echoete in mir. Und als ich mich mit Tränen der Wut abwendete, da rief sie mir lachend hinterher: „Mach nicht so ein Drama daraus, der wollte eben mal etwas frisches in Händen halten.“

An diesem Tag wurde ich erwachsen. Mir wurde klar, dass das Leben kein Ponyhof ist, ich auf niemanden vertrauen kann, als auf mich selber und dass mich diese verdammte Erkrankung nur systematisch schwächte. Ich entschied mich gesund zu werden. Damals wusste ich die Sprache meiner Seele noch nicht zu verstehen und ich orientierte meine Gesundung an einem meiner Wehrhaftigkeit nicht abträglichen Körpergewicht. Eine der unerkannten Narben, die ich  davontrug, war meine Angst, weibliche Formen anzunehmen. Weibliche Formen, die zu weiteren Übergriffen einladen könnten.

So. Punkt. Erst einmal. Eventuell, nein, wahrscheinlich folgt die Fortsetzung. Einfach, damit ich lerne, es auszusprechen und nicht in mir zu hüten. Aber glauben Sie mir, das war ein schwer erkämpfter Weg in meine jetzige Weiblichkeit. Ich musste mich im Grunde von Anfang an neu erfinden. Und ich spreche hier über gut Verheiltes. Keine Sorge, das wird kein Hilfeschrei. Doch ich möchte lernen, nicht immer nur stark nach Außen zu wirken. Das Veröffentlichen kostet mich Überwindung. Aber welche weiß schon, wofür es gut ist. Vielleicht für das kleine Selbst, dass auf diesem Wege ein Denk_Mal gesetzt bekommt. Wie tapfer und mutig es war. Genau. ;-)

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