Marmor, Rost-Parade und Eisen bricht

nur die wahre Liebe nicht.

Dieser Beitrag ist k-ein Lückenfüller. Einfach von daher, weil ich gerade massiv in den Presswehen liege und aus-brüte.Ich gab mir Mühe, es zu vermeiden, aber nun ist „es“ wieder einmal stärker als ich, was meint: eigentlich bin ich mit ganz anderen Dingen beschäftigt. Großen Dingen. Lichten Dingen. Englischen Dingen. Falls Sie verstehen, was ich meine. Bißchen blöd, aber: Da müssen wir – Sie und ich – jetzt durch. 

grosseltern

Auf dem eingefügten Foto sehen Sie meine Großeltern, die Eltern mütterlicherseits. Christina-Katharina und Alois. Als Alois einundzwanzig Jahre alt war, da stiefelte er eines schönen Tages unbekümmert in ein kleines Postamt im lauschigen Siegerländle, auf dass ihn Armors Kalaschnikow final erwischte. Dort hinter dem Tresen kauerte die schöne Christel von der Post: meine Großmutter.

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Meine Großmütter waren beide auch im Alter einfach entzückend. Und sehr renitent. Und ihrer Zeit voraus. Und recht unbekümmert darin, was das Umfeld von ihnen denken könnte. Was soll bei solchen Genen schon aus einer werden?! Während Omi Elisabeth bereits in den 30igern zum Entsetzen der Gemeinde Motorrad fuhr, die Lippen rot schminkte, die Beine kokett bestrumpfte und die Männer im Dorfe schier um den Verstand brachte, setzte Großmutter Christina-Katharina sich gegen ihre Eltern durch und erlernte einen Beruf. Das galt  als unschicklich und anrüchig und sie hatte offensichtlich viel Spaß dabei.

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Nun… war der junge Alois ein rechter Filou, verschlug es ihm beim Katharinchen die Sprache. Freilich wackelte er eifrig  und mit absurden Vorwänden zur Post, aber er brachte es nicht über sich, Christina-Katharina anzsprechen. So schmachtete er und Christinchen wurde unleidig. Genau den wollte sie. Den feschen Alois, der als junger Obersteiger sein Geld verdiente und eine Hütte in der Nähe des Stollens bewohnte. Es war anscheinend, so erzählte man mir, früher nicht unüblich, dass die jungen Steiger/ Bergstollen-Arbeiter nicht Zuhause, sondern in einer Art Hüttenstadt unmittelbar in der Nähe ihres Einsatzortes schliefen. Und da Christinchen direkt an der Quelle saß, war auch ihr diese Information recht schnell bekannt. Da meine Großmutter beliebte, ihren Sturkopf durchzusetzen, entwarf sie einen Schlachtplan… Und stand eines Abends vor des feschen Alois Hütte. Dunkel war es und kalt. Von Zuhause weggestohlen hatte sie sich, ohne, dass ihre Eltern es bemerkt hätten. Und wie der gute Alois der schönen Christine die Tür öffnete, nutzte sie seine Sprachlosigkeit, schlüpfte durch den Türspalt hindurch, verschloß die Tür von Innen und verkündete…. erstens, werde sie die Nacht bei ihm verbringen und zweitens müsse er sie wohl oder übel heiraten. Und so geschah es.

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Als meine Großeltern heirateten, da zählte er gerade einundzwanzig und sie neunzehn Lenze. Sie zeugten fleißig meine Mutter, zwei Brüder und drei weitere Schwestern. Als meine Großmutter 87jährig verstarb, da waren sie 68 Jahre zusammen. ACHTUNDSECHZIG Jahre. Alois folgte ihr nur ein halbes Jahr später. Es war klar, er würde nicht ohne sein Christinchen können und wollen.

Ich habe meine Großeltern ausschließlich liebevoll im Umgang miteinander erlebt. Da war so eine tiefe Verbundenheit, auch Zärtlichkeit im Miteinander. Und beinahe täglich sinnierte der Alois laut, „Christinchen, Christinchen, du meine Liebe, lieb ich doch jeden Tag noch ein Stückchen mehr,“ und Christina-Katharina winkte dann immer gespielt ungeduldig ab, doch in Wirklichkeit ging ihr das Herz auf. Gingen beide ineinander auf.

Harte Zeiten mussten sie miteinander durchstehen. Zum Beispiel, als der  junge Alois im Krieg eine jüdische Familie im Schuppen versteckt hielt, dies auffiel und er inhaftiert und für ein Jahr in ein Konzentrationslager verbannt wurde. Oder als beide blutjungen Söhne – Kinder noch – von der Schulbank ab- in den Krieg ein-gezogen wurden. Der eine, Günter, kam wieder mit Granatensplittern, die den Rest seines Lebens seinen Körper durchwanderten, ihm Schmerzen und Erinnerungen bereiteten, die ihn vergessen ließen, wer er war und ihn wandelten in einen jungen Greis. Der andere, Hubert, war so ein schöner, feiner, junger Mann. Oft betrachtete ich sein Foto, vor dem stets eine frische Blume stand. Ich hätte ihn gerne kennengelernt, aber er fiel, gerade einmal neunzehnjährig, irgendwo in Russland. Der Krieg, der Krieg.. Hitler, gegen den sich mein Großvater auflehnte. Dann ein Mädchen, welches vergewaltigt und sechzehnjährig schwanger wurde. Meine Tante Christel. Der Krieg, die Nachkriegszeit, die den Leuten alles nahm, was ihnen nahe und lieb und sie wertschätzen ließ, was ihnen verblieben.

So auch meine Großeltern, sich. So vorsichtig und achtsam gingen sie miteinander um, als wäre der eine des anderen Heiligtum. 68 Jahre lang.

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Wie ich darauf komme? Nun aufgrund meiner im Vorsalbader erwähnten Presswehen, treibt es mich momentan durch die Lande bis nach Berlin… und da erlebte ich gestern unfreiwillig an einer Bahnhaltestelle den Disput eines Paares. Beide schätzungsweise in den Dreißigern. Im eskalierenden Gespräch, welches in Geschrei überging, wurde der Ton zunehmend gereizter. Der „Schatz“ wandelte in zehn Minuten zum „Idioten“ und die Dame wurde von ihrem Liebsten als „fette Sau“ betituliert. Sie schrie, sie nähme die Kinder und zöge aus und er brüllte, dann hätte er endlich seine Ruhe und sie solle mit „den Scheiß-Gören den fetten Arsch aus seiner Bude“ bewegen.

Feb-Rost1Als meine Bahn eintraf, kämpften ihre Stimmen noch immer gegen einander an – und ehrlich gesagt fühlte es sich an, als würden sie im nächsten Moment aufeinander losgehen.

Das geht doch nicht…. Ernsthaft…. Für Berlin sind solche Gespräche keine Seltenheit. Ich habe zehn Jahre mit Obdachlosen und Suchterkrankten gearbeitet. Da war der Ton nicht immer ein netter und das Niveau oftmals unter dem Kellerboden. Ich bin schon Einiges gewöhnt, dennoch fällt mir die zunehmende Verrohung im Alltag auf. Diese fast schon gesellschaftsfähige Bereitschaft, sein Gegenüber auf das Übelste zu beleidigen. Keine Achtsamkeit. Kein Respekt. Keine Behutsamkeit. Gegen- statt Mit-einander. Was ist es, was die Menschen derart verrohen lässt? Und lassen sich derart geschaffene Klüfte jemals verzeihen und überwinden? Möglicherweise ist Ihnen bekannt, dass ich so meine regelmäßigen Zusammenkünfte mit der Telekom habe. In einem dieser zahllosen, meist freundlichen, dafür in Gänze unergiebigen Gespräche, betitelte mich eine Dödelkom-unistin als „Arschloch“. Mir ist es schon zuwider, das Wort überhaupt zu schreiben. Nun, ich war derart perplex, dass ich fürchterlich lachen musste. Aber was ist mit einem Menschen los, der derart verbal entgleist? Wozu diese verbalen Schwerter, wozu diese Ent-Wert-ungen, wie kann man sich selber derart ent-würdigen? Und welche Vorstellung von „Liebe“ haben Paare, die sich mit den ärgsten Wörtern bepöbeln, die mit Wörtern Nähe zunichte machen und Liebe ad absurdum führen. Kann das überhaupt Liebe sein? Möglicherweis steht auch eine andere Vorstellung von Miteinander dahinter… ich weiß es nicht. Schließlich, wenn der aktuelle Partner nicht wirklich funktioniert, kann man ihn dank virtueller Balzportale umgehend austauschen.  Aber will man das? Was ist mit dem gemeinsam Erlebten, der gemeinsamen Basis?

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Dass meine Großeltern eine achtundsechzig Jahre andauernde Beziehung lebten, führe ich darauf zurück, dass sie sich für die Liebe entschieden und diese nicht als etwas Selbstverständliches akzeptieren. Dass sie einander liebten, „obwohl“ und nicht „weil“;  sie sie ihr „Ja-Wort“ als gegenseitige Verpflichtung verstanden, einander zu hüten, zu beschützen, für einander einzustehen. Wahrscheinlich ist so etwas längst überholt, verstaubt, altmodisch, nicht hip genug, nicht ausreichend lässig. Ich finde es gut. Für mich bedeutet das Eingehen jeder Beziehung, auch einer freundschaftlichen, eine gegenseitige Verpflichtung zur Achtsam- und Behutsam-keit. Ein auslaufendes Beziehungs- und Freundschaftsmodell. Sicherlich. Sonst könnte ich meine wahren Freunde nicht an anderthalb Händchen abzählen.

Im Vorbeiflug notiert. Im Grunde bin ich in Gedanken in einer anderen Zeit, an einem anderen Ort. Presswehen. Sagte ich schon. Aber Zeit, meinen Großeltern und ihre Liebe ein verbales Blümchen hinzustellen, muss sein.

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Ein wunder-volles Paar. Die mich auch in stürmischen Zeiten gelehrt haben, was Miteinander wirklich bedeutet. So und jetzt genug gequasselt. Vertrödeln Sie Ihre Zeit nicht mit Lesen, sondern gehen Sie und machen Wasser heiß und paar Handtücher, bittschön, aber zackisch.

PS: Woher kommt eigentlich der Spruch zur Geburt „Mach schonma Wasser heiß“? Was soll mit dem heißen Wasser passieren? Und den Handtüchern? Oder soll Mutter beim Gebären, wenn sie sonst nüscht zu tuen hat, schnell den Spül erledigen? Fragen über Fragen, wenn Sie mich fragen. Aber mich fragt ja keine-r.

PMS: Wie zeitlos ich bin, zeigt sich Ihnen u.a. dadurch, dass ich entweder zu früh, oder zu spät komme, um der werten Frau Tonaris höchstlöblichen Rostparade zu huldigen.

Rost-Parade

Ich tue es dennoch. Weil Rost von der Vergänglichkeit erzählt und den Spuren, die das Leben hinterlässt. Passt doch vorzüglich zu dieser unsterblichen Liebe meiner Großeltern. Wenn es ein Leben nach dem Tod geben sollte, sitzen die beide jetzt auf einem rosa Wölkchen!

PS: und, weil ich die Augen-Blicke erst gestern auf meinen Streifzügen durch Berlin einfangen konnte. Entschuldigung, liebe Frau Tonari! Für März gelobe ich Besserung!

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