Kadaver

Soeben bei Frau Tikerscherk einen Text über eine Begegnung der dritten Art gelesen, den ich kommentierte. Den Kommentar erlaube ich mir nun hier einzustellen. Nicht, weil ich mich so sonderlich gern läse, sondern weil es Mißstände in diesem unseren Land gibt, die wahr-zu-nehmen nicht schaden kann…

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Tscha,  Frau Tikerscherk, was soll ich sagen…  mit dieserart Menschen arbeitete ich bis Mai exakt zehn Jahre. Als Wohnheimleiterin. Eines Wohnheimes für jene, die über den Tellerrand geschubbst und unter die Teppichkante gekickt werden*. *Weil sie verräterisch sind, weil sie jahrzehntelange Schatten dieser Gesellschaft ausplaudern, die Abgründe die hinter Pseydodemokratie und scheinheiliger Fürsorge lauern, die sich der Staat so gerne auf den AasGeier pappt.

„Normalerweise“ werden die Outlaws ghettoisiert. Dann sieht sie keine-r. Hört sie keiner. Erinnert sie keiner. So existieren sie nicht. Unser Wohnheim steht am äußersten Rande Berlins. Abseits. Schlechte Bus- und Bahn-Verbindungen. Zu weit, als dass jemand der Wohnheim-Bewohner auf den Kudamm gelangte und nachhaltig Eindrücke erschütterte.

Wollte nur sagen, Sie ahnen nicht, wieviel Verelendung es im deutschen Lande/ speziell Berlin gibt. Menschen, die durch sämtliche soziale Raster fallen/ gefallen werden, die keinen Anspruch (mehr) auf soziale Leistungen haben, Menschen, die keinen Anspruch (mehr) auf medizinische Grundversorgung haben. Menschen, die tatsächlich ohne Identität sind. Und wenn so eine-r – ungünstigerweise – in der Öffentlichkeit kollabiert, dann landet er/sie schon einmal in einem Krankenhaus, wird dort versorgt.. in der Regel solange, bis man feststellt, er/ sie ist nicht versichert… und dann güldet nur noch eines: so schnell als möglich abschieben…  … und dann greifen so Auffangnetze wie „unser“ Haus.

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.. nicht nur, dass diese Menschen ohne Identität sind, nein, oftmals lebten sie über Jahre im Abgrund. Da gibt es Abwasserschächte, in denen es sich offensichtlich vegetieren lässt. Wälder. Parks. Höhlen. Nachts, wenn es keiner sieht, kriechen ihre Schatten auf die Straßen und winden sich in unseren Abfällen…

Und, ja, möglicherweise hat Ihre Bahnbegegnung nach Verwesung gerochen. Es ist nicht so selten, wie man hoffen würde, dass vorsichtig versucht wird, Schuhle und Bekleidung zu lösen… und dann das Fleisch zerfällt, und/ oder von lebenden Maden durchsetzt ist. Ich habe später die Regel erlassen, dass wir nur BewohnerInnen aufnehmen, die garantiert keine Infektionen in das Haus bringen. Heißt: die wurden zunächst zur Notaufnahme eines Krankenhauses gekarrt. …und mussten entkeimt und zumindest grob grundversorgt werden… das ist nämlich – s.v.- ohne Identität nicht leicht zu erwirken. Da ist Vater Staat recht gestrenge… wenn denn die Medikation zu hohe Kosten verlangt… dann wird nicht weiterbehandelt. Fertig. Können sich ja nicht beschweren. Werden sich nicht beschweren. Die ohne Identität sind ohne Recht.

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Und, nein, ich erzähle Ihnen keine Horrormärchen. Wenn Menschenfleisch in unserem Staate keinerlei Rentabilität verspricht – und im Vorfeld nicht genügend erwirtschaftet wurde, wird es knallhart abgeschoben. Zum Beispiel zum Sterben. In ein Wohnheim wie das „unsrige“. Wobei das Sterben dann auch Jahre dauern kann.

Aber Schmerzen, Schmerzen bestehen meist nicht. Da kann ich Sie beruhigen. Wie soll auch Schmerz empfinden, was längst tod… wobei bei diesen traurigen Gestalten nicht nur Körper, sondern auch Geist und Seele oftmals nekrotisch sind.

So- und jetzt hoffe ich, Sie verzeihen mir diesen ellenlangen Aufsatz in IHREM Blog. Es sind halt nur besondere Umstände, von denen ich denke, sie sind wert, erzählt zu werden.

Ich hoffe, ich hab Ihnen das Frühstück nicht versaut… wenn doch, haben Sie eines bei mir frei.

Schrieb ich. Eigentlich eine Unverschämtheit. Jemanden soviel in den Blog zu schreiben. Aber..!!

1) vermag ich mich nicht kurz zu halten

2) schweige, oder aber  spreche ich. SmallTalk ist nicht meins

3) wird von unserem Staat immer nur an den Stellen geholfen, an denen unterlassene Hilfe fahrlässig wäre UND wenn Kameras draufhalten. Unter der Teppichkante, still, dürfen Vergessene gemächlich vor sich hinverrecken.

4) war dieser Job NUR mit einem tollen Team, mit stabilen Sozialarbeitern, mit belastbaren Pflegekräften, mit geduldigen Küchenfeen, mit hart-gesottenenen Ärzten und Therapeutinnen zu realisieren… und einer verrückten Menge an Idealismus.

5) habe ich ihn 10 Jahre gern gemacht und bin – insbesondere aus der Vogelperspektive des Rückblickes – heilfroh, ihn nicht mehr zu machen.

6) hatte ich beim Fotografieren nicht tierisch einen im Tee, sondern verwackelte die Bilder von jenen Personen gezielt, die nicht „veröffentlicht werden mögen“.

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