Jede-r ist ein Genie

Vom Tiger, der glaubte ein Schaf zu sein

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Es war einmal ein kleiner Tiger. Dessen Mutter war gleich nach seiner Geburt gestorben und eine Herde Schafe , die in der Nähe weidete, hatte sich seiner angenommen. Die Schafe nahmen den Tiger als einen der ihren auf. Mit der Zeit wurde aus dem kleinen Tiger ein großer, schöner Tiger. Aber er benahm sich wie ein Schaf. Er fraß Gras, blökte wie ein Schaf und suchte den Schutz der Herde wie ein Schaf. Obwohl tief in ihm die Kraft eines Tigers schlummerte, war er überzeugt, ein Schaf zu sein.

Nun schlich sich eines Tages ein alter Tiger an die Schafherde heran, um eines von ihnen zu reißen. Als der alte, erfahrene Tiger den jungen Tiger inmitten all der Schafe tollen sah, wollte er seinen Augen kaum glauben. Er jagte zu ihm hin, packte ihn am Nackenfell und schleppte ihn zu einer Wasserstelle. Jämmerlich blökte der Tiger und wehrte sich ängstlich. Doch der alte Tiger bestand darauf, dass der junge Tiger sich sein Spiegelbild im Wasser anschaute. Und da stellte er fest, dass er kein Schaf war, sondern ein Tiger!

In diesem Moment brach ein gewaltiges Brüllen tief aus seinem Inneren hervor und er erkannte seine wahre Natur.

frei nach Ulrike Dahm und Erich Keller, Sei Dein bester Freund, Wegweiser zur Selbstliebe

Meine Freundin Tina musste 50 Jahre alt werden, um die ganzen Steine, die man ihr auferlegt hat, abzulegen und zu erkennen, wer sie wirklich ist.

Geboren wurde sie in eine Akademikerfamilie, die in ein anderes Jahrhundert besser gepasst hätte. Der Vater streng, die Mutter still, die Kinder erzogen wie brave kleine Soldaten. Es gab noch drei ältere Brüder. Drei erfolgreiche ältere Brüder. Natürlich waren diese alle sehr sportlich. Selbstverständlich waren sie sehr gut in der Schule und klar machten alle drei Karriere. Tina war anders. Tina saß lieber unter den Bäumen des Gartens, träumte, redete mit den Schmetterlingen. Mathematik, Biologie, Physik waren ihr böhmische Dörfer. Dafür malte sie mit Leidenschaft und erzählte gerne Geschichten. Dass ihre Aufsätze in der Schule stets von der Lehrerin gelobt wurden, interessierte den strengen Herrn Papa nicht, wenn sie wieder ein knappes Ausreichend in Mathematik nach Hause brachte. „Schau dir deine Brüder an,“ schimpfte dieser, „aus denen wird mal was. Von Verstand und Umgang mit Zahlen kann man leben, von Geschichten nicht.“ Besonders schlimm wurde ihre Teeny-Zeit. Stubenarreste, Nachhilfe, ständiges Büffeln. Tina quälte sich und auch ihre Eltern quälten sich und als Tinas Lehrer den Eltern rieten, Tina besser nach dem Realschulabschluß von der Schule zu nehmen, da sprachen die Eltern ein halbes Jahr nicht mit ihr. Der Vater hatte Tina bei einem Kollegen eine Ausbildung zur Rechtsanwaltsgehilfin verschafft. Tatsächlich machte ihr die Ausbildung Spaß, sie stellte sich sehr gut an, wurde nach der Ausbildung übernommen und galt nur wenige Jahre später als rechte Hand des Rechtsanwaltes. Als Tina 30 wurde, da nahm sie allen Mut zusammen und fragte ihre Eltern, warum immer nur die Karrieren der Brüder erwähnt und gelobt würden. „Aus dir hätte etwas werden können,“ lautete die kalte Antwort des Vaters. 15 Jahre später brach sie zusammen. Von ihr, die verheiratet, aber kinderlos war hatten die Eltern stillschweigend erwartet, dass sie deren Pflege übernehmen würde. Das tat sie. Neben dem Job in der Kanzlei. Erst pflegte sie die Mutter, die nach einer Hüft-OP nicht mehr gehen konnte und die Krankheit zum Anlass nahm, sich aus dem Schatten ans Tageslicht der Familie zu stellen. So still sie die Jahre zuvor war, so laut wurde sie nun. So zurückhaltend, so fordernd wurde die Mutter nun und schikanierte zu ihrem Ende hin vom Krankenbett aus. Schleichend hatte zudem die Demenz des Vaters begonnen. Die Söhne, Tinas Brüder, reagierten empört als Tina ihr Anliegen vorbrachte, den Vater in einem Pflegeheim unterzubringen. Die Söhne, von denen zwei mittlerweile nicht mehr in Deutschland und der Dritte 800km entfernt lebten. So versuchte Tina weiterhin den Ansprüchen gerecht zu werden. Sie kam ihrer Arbeit in der Kanzlei nach, pflegte die Eltern. Die Mutter war gerade ein halbes Jahr verstorben, als sie von der Arbeit zu dem Haus der Eltern fuhr, um den Vater zu versorgen und erst spät am Abend nach Hause kam. „Es war so eine ganz seltsame Stille,“ erzählt Tina, „als wäre die Welt stehengeblieben. Und das war sie auch.“ Ihr Ehemann hatte sie stillschweigend verlassen, die Wohnung  zur Hälfte ausgeräumt, seine Bekleidung verschwunden. Kein Zettel, kein Anruf, keine Erklärung. Als sie auf seiner Arbeit anrief, erfuhr sie, er sei mit seiner Freundin vier Wochen in Puerto Rico.

Wenige Wochen später suchte sie ihren Vater vergebens. Diesen fand man Tage später an einem Waldrand. Stark unterkühlt kam er in ein Krankenhaus. Wie erleichtert war Tina, dass es ihm den Umständen entsprechend gut erging. Nach der Arbeit kaufte sie schnell frischen Obstsaft, die Lieblingspralinen des Vaters und eilte in das Krankenhaus, in dem er noch zur Beobachtung war. Schon auf der Station wurde sie sehr distanziert empfangen. Der Vater wünsche nicht die Tochter zu empfangen, erklärt ihr die Stationsschwester, was schließlich auch kein Wunder sei, so, wie sie sich aufgeführt habe. Als Tina sich widersetzte, um den Vater in dessen Zimmer zu suchen und schließlich zu finden, regte dieser sich derart auf, dass er wüste Beschimpfungen ausstieß, sie als verlottertes, zu Nichts taugendem Flittchen bezeichnete und ihre eine Vase entgegenschleuderte. Das besorgte Pflegepersonal verwies Tina umgehend der Station und untersagte ihr weitere Besuche. Nur eine Woche später wurde sie von einem Pflegeheim antelefoniert. Der Vater wohne nun dort und bräuchte dies und jenes und solches. Sie solle es vorbeibringen. Aber sehen wolle der Vater sie nicht und das Pflegeheim-Personal werde sie nicht vorlassen, weil eine Konfrontation unzumutbar und fahrlässig wäre.

Verzweifelt rief Tina ihren Bruder Andreas an, der in den Staaten mittlerweile Karriere machte. Was sie wolle, herrschte dieser sie an, sie solle mal nicht glauben, dass ihre Erbschleicherei nicht jedem klar wäre. Wenige Tage später meldete sich der Rechtsanwalt der drei Brüder, der auch die Angelegenheiten des Vaters vertrat und Tina mitteilte, sie sei vom Erbe ausgeschlossen, zwar stünde ihr ein Pflichtteil zu, aber immerhin schulde Tina der verstorbenen Mutter und dem Vater noch Geld. Tina verzichtete auf das Erbe. Sie war 48 als sie eines schönen Morgens in der Kanzlei ein Telefonat entgegennahm und keinen Ton mehr herausbekam. Als hätten eisige Krallen ihren Hals zugedrückt beschreibt sie es. Zwar habe sie gesehen, dass ihr Chef und die anderen Kollegen, sie ansprächen, aber sie sei wie gelähmt gewesen, habe nicht reagieren können. An ihren Schreianfall, dass sie das halbe Zimmer verwüstet hat, kann sie sich nicht erinnern. Das ging aus den Krankenhausunterlagen hervor.

Vier Wochen fehlen in ihrer Erinnerung. Vier Wochen, die sie auf einer geschlossenen, psychiatrischen Abteilung verbrachte. Nach diesen vier Wochen wurde sie umgezogen in eine psychiatrische Wohneinheit auf dem Land. Dort lernte sie langsam zurück ins Leben zu kehren. Dort lernte sie zu töpfern, mit Farben zu spielen und Geschichten zu erzählen, dort begann sie, einfach zu sein. Sie selber zu sein.

Jetzt und hier und heute ist Tina 61 Jahre alt. Vor mir steht eine wohlgerundete Frau mit einem Lächeln, welches ihr hübsches Gesicht aufhellt und ihr einen ganz besonderen Glanz verleiht. Kennengelernt habe ich Tina auf einem Mittelalter-Fest. Sie ist mir durch ihr wundervolles Lachen aufgefallen. Ich schätze an ihr ihre Gelassenheit, die Ruhe, die sie ausstrahlt, diese unglaubliche Güte. Mittlerweile lebt Tina auf dem Land. Ein windschiefes Häuschen, welches sie mit ihrem Lebensgefährten Frank, 68, einem unglaublich originellen Alt-Biker und Musiker, teilt. Dort wuselt sie im wilden Garten inmitten ihrer exotischen Blumen und Bohnenstangen, wenn sie nicht gerade im kleinen Wintergarten schreibt. Schreibt, schreibt, schreibt. Tina schreibt. Sie schreibt Geschichten. Sie schreibt Kurzromane und sie schreibt große, dicke Romane und Tina hat mit ihren Geschichten viel Erfolg. Soviel Erfolg, dass sowohl ihr Lebensgefährte als auch sie einem guten Lebensabend entgegensehen können. Sie schreibt Geschichten für die Seele. Geschichten, die Mut machen. „Ich bin glücklich,“ sagt Tina mit diesem einzigartigen Lächeln, „Und dankbar. Meinen Eltern, meinen Brüdern. Es hätte ja womöglich auch alles anders kommen können und dann hätte ich nie gewußt, wie wertvoll mein Leben ist.“ Und dazu lächelt sie über das ganze Gesicht und ihre weisen, hellblauen Augen blitzen vergnügt.

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