Geburtsort: Dom

Solange ich mich erinnern kann, wurde ich gefragt, wo ich denn herkomme. Bis zur Einschulung erschloß sich mir keineswegs die Richtung, in die die Frage abzielte, und ich antwortete offenen Herzens und voller Überzeugung: „Aus dem Kölner Dom.“ Tatsächlich war ich der ernsthaften Überzeugung, im Kölner Dom geboren worden zu sein. Die inbrünstige Gewissheit und Logik dahinter erschließt sich mir aus der Vogelperspektive der dahin gezogenen Jahre nicht. Möglicherweise, wissend ich bin gebürtige Kölnerin, gehörten für mich damals das Wahrzeichen der Stadt – der  Dom – und die Stadt untrennbar zusammen. So ist es zumindest heute noch. Zwischen dem Dom und mir war es Liebe auf den ersten Blick, ich liebte die Größe, die Atmosphäre, die Nischen, die Winkel, die beeindruckende Schönheit, die mich bis zum heutigen Tage magisch anziehen. Aber ich beliebe abzuschweifen…

Petrusbrunnen

Der „Petrusbrunnen“ an der Südseite des Kölner Domes wurde durch die deutsche Kaiserin Augusta (die Gattin Wilhelms I.) der Stadt Köln gestiftet. Die neugotische Brunnenarchitektur wurde von Dombaumeister Richard Voigtel und Dombildhauer Peter Fuchs erschaffen und 1870 fertiggestellt. Seit Juli 2010 steht der Brunnen auf der Papstterrasse. (Quelle: wikipedia)

Meine Eltern gaben mir von kleinauf ein paar durchaus taugliche Wegweiser mit. Einer lautete, stets die Wahrheit zu sagen. Daran halte ich mich zum Leidwesen meines Umfeldes. Wenn sich heute jemand mokiert, warum ich mich zu etwas nicht äußere, dann kennt ersiees mich nicht. Denn zuweilen ist so ein Schweigen weitaus höflicher als m-eine unbeschönte Wahrheit. In späteren Jahren wiederholte sich die Frage, wo ich denn herkomme, wo ich denn geboren sei. Bis es selbst mir dämmerte, die Frage bezog sich weder auf ein ernsthaftes Interesse an meiner Person, noch eines geographischer Natur. Man unterstellte mir eine andere Nationalität. DAS war des Pudels Kern. Und der erschloß sich, als auf meine unschuldigen, begriffsstutzigen, aufrichtigen Antworten: „Köln,…“ hartnäckig nachgebohrt wurde… „Und woher deine Eltern?“

…nach einer wild durchfeierten Nacht landete ich im OP eines mürrischen Arztes, der unwillig die Oberhaut meiner rechten Hand wieder zusammenflickte, (die der Begegnung mit einem zerbrochenen Bierglas nicht standgehalten hatte, welches wiederum ein Volltrunkener gegen einen imaginären Konkurrenten zu erheben trachtete und versehentlich meine filigrane Pfote streifte). Jedenfalls schnauzte mich eben jener Arzt an, wo ich herkomme. Etwas irritiert hob ich den Kopf, den ich im Hinblick auf das weit auseinanderklaffende Fleisch tapfer in die Ferne schweifen ließ, und antwortete treudoof: „Köln“. Worauf der in meiner Hand stochernde Chirurg ein wenig die Contenance verlor und keifte, ich solle nicht so blöd tuen, es wäre doch offensichtlich, dass die Frage sich auf meine Nationalität bezöge. Nun ist eine meiner unzähligen, ungünstigen Eigenschaften, derer ich unzählige und liebevoll gepflegte aufweise, jene, dass ich, insofern ich mich nicht vernünftig behandelt fühle, auf Arroganz und Distanz schalte und ihn rügte, mir erschlösse sich sein Interesse an meiner Nationalität nicht, welches in keinem nachvollziehbaren Zusammenhang zu seinem Job, mir die Hand zusammen zu flicken, stünde. Darauf kniff er seine kleinen, schwarzen Knopfaugen zusammen und stieß feindselig wie unheilvoll hervor: „DIESE HAUT ist nicht europäisch.“

Sei es drum. Mit etwas Fantasie und Lebenserfahrung lassen sich zwischen mir und meinen Eltern durchaus Ähnlichkeiten ausmachen. Zum Beispiel haben wir alle zwei Arme, zwei Beine, eine Nase, einen Mund. Nein, tatsächlich bin ich meinen Eltern ähnlich. Und tatsächlich sind meine Eltern deutscher Herkunft und Nationalität. Nur in unseren Ahnenreihen tanzen Argentinier neben Holländern neben Franzosen… und möglicherweise rührt hierher meine dunkle, sonnenbrand-resistente Haut. Oder aber ich wurde als Baby von Außerirdischen meinen Eltern in die Wiege geschmuggelt. Ist ja nicht auszuschließen.

Schlußendlich bin ich so das wandelnde Haar in der Suppe. Weil ich einfach „anders bin“. Das verdanke ich wohl tatsächlich meiner Wiege und meinen Eltern, die mich darin bestätigten, ich selber zu sein und zu werden. Und wäre ich nicht genau die, die ich bin, hätte ich mein Leben an diversen Stellen nicht überleben können. Punkt.

Später begann ich Antworten auf Fragen nach meiner Herkunft flexibler zu gestalten. Einfach, weil mir die zunehmend unverhohlen unterstellte Unaufrichtigkeit auf den Senkel ging und ich es für Energieverschwindung befinde, mich Menschen mitzuteilen, die auf einem Espressotassentellerrand sich mit ihrer fest zementierten Vorurteilsmauer umgeben . Ich dehnte die Ausführungen über meine Herkunft ins Abstruse aus. Da ging doch immer noch mehr. Von der thailändischen Prinzessin, über ein am Nil in einem Binsenkörbchen an Land gespültes Findelkind. Das Komische: diese Geschichten erzeugten Leuchten in Augen und ein sattzufriedenes „Hab ich es doch gewusst.“ Was zählte: das renitent-neugierig-e Nachbohren hatte ein Ende und ich meine Ruhe.

So ist das mit der Wahrheit. Sie ist überaus subjektiv.  Und relativ. Und Viele suchen kein Gespräch, um über einen Anderen etwas zu erfahren, sondern nur, um Selbstbestätigung zu er-finden. So ist das. Aber ich, ich wurde in Köln geboren. Im Dom. Es war eine eiskalte Winternacht. Ein Schneesturm tobte über das mittelalterliche Köln. Meine Mutter, die Zarin, befand sich auf der Flucht vor den isotukmasurischen Assassinen….

Koelner-Dom

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