Durch das Kellergedärm hin zu Malkuth

m-ein Textanteil an Dominik Leitners Projekt „kreatives Schreiben“,

Das vierte Wort. • *.txt TRÜB

Erläuterungen zu Text & Bild im Anschluss…

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„Kraaaah“ explodiert es aus dem Raben, im Reflex hebt Anna den angewinkelten, linken Arm vor ihr Gesicht, um die Attacke aus der Luft abzuwehren. Peitschend streift die nach feuchter Erde duftende Flügelspitze das Haar. Kurz furcht eine Kralle über Annas Schläfe, schürft tief in das Fleisch. Vollkommene Stille bis auf das Wogen und Tosen des Federschlages. Mit dröhnendem Herzen setzt sich Anna auf, blickt gehetzt in die mittlerweile aufgezogene Dunkelheit, dem nächsten Angriff vorbeugend…

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Selbstvergessen beißt sie von ihrem Croissant, nippt an dem Kaffee, streicht die rechte Hand nach dem Umblättern das lange Haar aus dem Gesicht… um mit den Fingern über die Schramme zu stolpern. An ihr zu verweilen. Sie vorsichtig zu ertasten. Sanft fährt Anna mit dem rechten Zeigefinger über die durchaus schmerzende Wunde. Und plötzlich ist sie wieder da. Die Erinnerung. Die Erinnerung an den Raben. Sein furchteinflößender Schrei. Der Angriff. Die sie einem Umhang ähnlich umfangende Schwinge. Die Kralle. Die Kralle, die sich tief und unnachgiebig in ihre Haut presste. „Ein Traum,“ schüttelt Anna das aufkommende Entsetzen energisch ab. „Was für ein wirklich fieser Traum…“

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Pi2

Durch das Kellergedärm hin zu Malkuth

An diesem Abend findet Anna zeitnahen und tiefen Schlaf. Morgens fährt sie wie von der Tarantel gestochen hoch. Das Herz schlägt ihr bis zum Halse. Eine unsichtbare Hand legt sich um die Kehle und drückt mit eisernem Griffe unnachgiebig zu. In aufkommender Todesangst versucht Anna die unsichtbaren Hände zu greifen, reißt weit den Mund auf, um Luft zu erhaschen, windet und wehrt sich gegen den Würgegriff. In einem letzten Aufbäumen droht ihr Bewußtsein zu schwinden, ermattet sinkt sie auf die im Krampfe zertretenen Laken.

Endlich! Luft fließt durch ihre Nase, nimmt besitzt von ihrer Luftröhre, füllt ihre Lungen. Schwer atmend stellt Anna fest, dass die unsichtbaren Hände einem Traumgeschehen entstammen. Zitternd setzt sie sich auf, doch ihre zunächst verunsicherten Blicke werden mutiger: niemand ist in ihrer Wohnung, der sie bedroht. Erschöpft stellt sich Anna unter die Dusche. Genießt das heiße Nass, welches sanft ihre Haut zu neuem Leben peitscht. Der Schreck ist ihr auf den Magen geschlagen und so reicht ihr kurze Zeit später eine Tasse Kaffee zum Frühstück, welche sie kopfschüttelnd zu sich nimmt. „Was, Ezzard, was ist nur mit mir los?“ doch der sonst so anschmiegsame Kater wirkt verstört und verdrückt sich aus der Küchenecke in den Flur. „Du musst doch keine Angst vor mir haben,“ ruft Anna dem Katerchen hinterher:„Ezzard, das war doch nur ein Traum, nur ein Traum.“ Doch eigentlich versucht sie es sich selber einzureden.

Nach dem Frühstück verweilt sie ratlos vor den mit Farben überfüllten Tüten, die sie auf dem großen, alten Sofa im Wohnzimmer abgestellt hat. Unentschlossen zieht sie einen bereits mit Leinwand bespannten Rahmen hinter einem Paravent hervor. Bei dem Versuch, die ebenfalls hinter der Stellwand verwahrte Staffelei hervorzuziehen, verhakt sich diese in einem großen Eimer mit zurecht geschnittenen Lappen. Bei der wütenden Bemühung die Staffelei durch einen Ruck zu befreien, löst sich eines der Staffelei-Beine und fällt scheppernd zu Boden. „Dann halt nicht,“ kommentiert Anna laut und gereizt. Fahrig fährt sie sich mit den Händen durch die langen Haare, greift diese entschlossen, windet sie zum Dutt, löst sie wieder, um sie in einem Zopf zusammen zu fassen. Kindisch tritt sie mit einem Fuß gegen die Staffelei, welche daraufhin ruckelnd nachgibt, endgültig auf den Boden fällt und dabei einen Blumentopf mitreisst. Fassungslos schaut Anna auf das Chaos ihr zu Füßen. Ihr Blick irrt zu der Blut verschmierten Fensterscheibe.

KdS-entry

Ohne weiter nach zu denken macht sie auf der Ferse kehrt, schnappt sich ihren Schlüsselbund und verlässt im Eilschritt ihre Wohnung. Hinter ihr schlägt die Tür laut ins Schloss. Aus einer benachbarten Wohnung protestiert eine angetrunkene Männerstimme schleppend: „Ruhe da draußen“. Im Eilschritt läuft Anna die vier Etagen hinab, stets zwei Stufen auf einmal nehmend kommt sie derart in Schwung, dass sie unten im Treppenhaus angekommen beinahe mit der Hausmeisterin kollidiert. Diese – eine gemütliche, ältere Dame, stets im Blaumann gewandet mit absurderweise sehr eleganter Hochsteckfrisur und dezentem MakeUp – kommentiert lachend: „Jaja, die Sturm- und Drang-Zeit… Einmal noch so jung sein.“ Pustend antwortet Anna: „Glauben Sie mir, liebe Frau Schubert, ich wünschte nicht selten, die Sturm- und Drang-Zeit hinter mir zu haben.“ Zustimmend nickt die ältere Dame. „Ach, Fräulein Quarz, wenn ich sie schon mal zu greifen bekomme…“ Anna blickt die freundliche Hausmeisterin erwartungsvoll an. „Sie wissen doch um diesen Rohrbruch im Keller, den wir vor 14 Tagen hatten?“ Anna grunzt ein verwundertes: „Ja?“ „Nun, liebes Fräulein Quarz, nächsten Montag wird eine Firma kommen, die den kompletten Keller entrümpelt. Es kümmert sich ja niemand der Mieter darum,“ vorwurfsvoll kreist der Kopf der Hausmeisterin ausnahmslos die gesamte Mieterschaft einschließend. „Das schimmelt doch sonst doch alles… Also wenn sie Wertgegenstände dort aufbewahren sollten….“ „Nein,“ antwortet Anna höflich, „Wertgegenstände sicherlich nicht, die Golddukaten horte ich in der Matratze,“ was ihr ein fröhliches Auflachen der netten Frau Schubert beschert, „Aber vielen Dank für den Hinweis, ich gehe direkt einmal nachschauen, ob etwas lohnt vor dem Sperrmüll bewahrt zu werden.“ Nachdem sich Anna der Höflichkeit halber noch nach der jüngsten Enkelin erkundigt und ein wenig smalltalkende Nachbarschaftspflege betrieben hat, macht sie sich über den Hinterhof auf zu dem kleinen Abstieg, der wiederum den Blick auf ein alte schwarze Tür freigibt: den Eingang in den Keller.

„Als würde ich einen Leichenkeller betreten,“ kommt es Anna in den Sinn. „So ein Unfug,“ schimpft sie sich umgehend selber und öffnet entschlossen die ins Innere führende Tür. Schwarze Dunkelheit gähnt ihr entgegen und tiefer Modergeruch zeugt von der Vergänglichkeit. Annas Gedanken galoppieren und erzeugen Assoziationsketten.. Malkuth, Ursumpf. Eigentlich mag sie diese tiefen dunklen Gerüche gerne, erdig, ein wenig morbid. Die steile ausgetretene Treppe tastet sie vorsichtig herab. Die suchende Hand findet den feuchten Lichtschalter, der ein wenig schwerfällig nachgibt, bevor der gesamte Kellergang in TRÜBES Dämmerlicht getaucht wird. Geradeaus, zwei rechts, zwei links, eine fallen lassen, denkt Anna und steht bereits vor dem Bretterverschlag, der windschief den Blick auf ihren Keller freigibt. Erstaunlich einfach lässt sich das Vorhängeschloss öffnen. Zwei Umzugskartons in der hinteren Ecke haben sichtlich an Form verloren. Ein dunkler Rand zeugt von dem Rohrbruch bedingten Hochwasser, welches von der Pappe aufgesaugt wurde. „Das dürfte sich erübrigt haben,“ murmelt Anna, hebt mit spitzen Fingern die Kartonlaschen und behält leider recht. Die Bücher, die in beiden kartons aufbewahrt, sind restlos durchgeweicht und nicht mehr zu gebrauchen. „Adieu Schulzeit,“ kommentiert Anna ein wenig wehmütig, denn nichts anderes beinhalten die Kartons als Schul- und Studien-lektüre für die in ihrer Wohnung kein Platz, die ihr jedoch zu schade, zum Entsorgen schienen. „Die Entscheidung ist mir jetzt eindeutig abgenommen. Kein Raum für Sentimentalitäten..“ Beim Verlassen des Kellerverschlages biegt sich nicht nach Links zum Eingang ab, sondern wird unweigerlich nach Rechts gezogen, dort wo sich die Länge des Ganges in Dunkelheit verliert. Über ihr flackert eine der TRÜBEN Kellerleuchten, als wolle sie jeden Moment ihren Dienst versagen. Am Ende des Ganges findet sie auf einem kleinen Vorsprung eine abgegriffene Taschenlampe vor. Offensichtlich hatte diese jemand in weiser Voraussicht deponiert. Ihr unüberlegter Versuch, den Schalter der Taschenlampe zu verschieben, beweist, die Taschenlampe ist funktionstüchtig. Neugierig leuchtet sie in einen weiteren Gang, der sich in samtenes Schwarz getaucht zu ihrer Linken eröffnet. Schon als Kind liebte sie Tunnel und Geheimgänge. Annas Gedanken kehren zurück in ihre Kindheit, zurück an die starke Hand ihres Vaters, der die ihre fest umgriff, um gemeinsam mit ihr alte Therme zu erkunden. Wielange war das wohl her? 25 Jahre? Xanten, überlegt Anna laut und revidiert, „nein, ich glaube Trier.“ Der Lichtkegel ihrer Taschenlampe tanzt durch den dunklen Gang und erzeugt bizarre Schattenspiele, Lichtnetze. Anna bereut es kurz, ihre Kamera nicht beizuhaben, mit der sie die Licht- und Schatten-Bilder hätte einfangen können. „Das sind ganz phantastische Motive, ganz phantastisch,“ murmelt sie begeistert.

Tanz-der-Nornen

Anna kichert leise, als ihr der Gedanke kommt, die Taschenlampe defloriert die Dunkelheit. Vorwitzige Strahlen durchbrechen die Schwärze. Bretterverschlag an Bretterverschlag erinnern an ein mittelalterliches Gefängnis. Immer tiefer dringt Anna in das Labyrinth der Gänge vor. Unter ihren Füßen unebener Erdboden. „Derlei kann es auch nur in Berlin geben,“ denkt Anna als sie einen offenstehenden Verschlag bemerkt. Windschief hängt die aus Holzdielen grob zusammengehauene Tür und schaukelt sanft – in der Windstille des Kellers. Eine Gänsehaut legt sich um Anna´s Herz als sich ihr der Eindruck verschärft, die Türe lade sie, ein zu treten. „Bin ich denn geladen?“ fragt sie sich, die Irrationalität nicht realisierend und tritt zögernd auf die mittlerweile weit geöffnete Kellertür zu. Ein letzter vernünftiger Gedanke, auf der Ferse kehrt zu machen, verzückt umrealisiert auf einer deaktivierten Synapse. Zögernd geht Anna auf den Verschlag zu. Beim Betreten der modrigen Erdbodenschwelle hält sie die Luft an. [..Auslassung..]

lajela-vor

Hintergrunzpalaver: Aus Ermangelung an Zeit griff ich zurück auf Ausschnitte aus dem im Rahmen des NaNoWriMo 2012 entstandenen Roman „Spiegelwelt“. Immerhin zweimal trüb… ;-) NaNoWriMo ist ein alljährlicher Wettbewerb, in dem sich weltweit Autorinnen finden, um im Monat November wenigstens 50.000 Wörter in Romanform zu bringen. Dieser Roman wich von meiner ursprünglichen Vorstellung in Gänze ab, überging den Plot vollends, entwickelte eine beinahe leichte Sprache, er-löste sich und mich von projizierten Ansprüchen, und entwickelte im Gegenzug ein sehr abstruses Szenario – täglich aus sich selber heraus. Ich war sozusagen tagtäglich gespannt, wie es weitergehen würde. In der Summe schrieb ich 67000Wörter an 30 Tagen, die Punktum am 30ten Tag ein sogar schlüssiges Ende fanden. Es war mit Abstand das Bizarrste Schreib-Erlebnis, welches ich jemals hatte. Korrekturgelesen habe ich „den Roman“ nie.  Als ich Dominiks Wortvorgabe „trüb“ las, erinnerte ich den Text und begann ihn (erfolgreich *g*) auf „trüb“ zu durchstöbern. Bin mir nicht sicher, ob das bereits 2012 Geschriebene überhaupt die Anforderungen erfüllt, da ich nicht auf Vorgabe hin entwickelt. Ich versuche mal, mich durch zu mogeln. Wobei ich in meinem Leben einmal mogelte und natürlich prompt aufflog. Aber das ist wiederum eine ganz andere, dafür ebenfalls trübe Geschichte ;-) – Was die Bilder anbelangt, sind dies uralte Bildcollagen. Leider habe ich nach dem letzten Crash noch nicht die Zeit gefunden, alle verschollenen (Bild-)Dateien zu invozieren. Vorerst bitte ich also die werte Leserinnenschaft sich mit den suboptimaleren Bebilderungen zu begnügen.

Mit verbindlichstem Dank und freundlichstem Gruß und unter der im Briefkopf angegebenen Rufnummer grundsätzlich nicht erreichbar: Ihre Nana

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