Don Quixote im Interview

 

Der Redakteur der renommierten Modezeitschrift „Tristesse“ begab sich mit despektierlicher Herablassung in das Interview mit dem armen Ritter zur traurigen Gestalt. Herablassend befragte er den Greis Don Quixote provokant: „Und nun Jahre später… mit dem Wissen, es war alles umsonst, was würden sie anders machen?“
Erstaunt blickte der alte, ergraute Ritter auf : „Alles umsonst? Aber nein…. ohne den Wind, den mein Gefährte Sancho Panza und ich mit Inbrunst entfachten, hätten die Windmühlen sich nie drehen können. Und wie hätten die Müller ohne drehende Windmühlen aus Getreide Mehl schaffen sollen? …ohne Mehl hätte kein Brot gebacken werden können und ohne Brot… oh nein, ohne Brot wäre das Volk bitterlich verhungert. Sie sehen, wie nahrhaft es ist, für Träume zu kämpfen. Ich? Ich würde es genauso wieder machen.“
Und da schwieg der arrogante Jungredakteur, dessen Träume längst unter der schwerlastigen Gier, Anerkennung zu erlangen und Karriere zu machen, tief begraben lagen. Und in dieses Schweigen hörte er ein leises Seufzen, welches seinem Herzen entrann und sich klammheimlich seinem Brustkorb entwich . Und da erkannte er, dass seine Träume bestanden, zu leben. Und so begann er, sie zu neuem Leben zu erwecken.

Als Nachsatz zum gestrigen Beitrag, oder auch Vorsatz.
Zalaegerszeg

Ja, und dann gab es da noch diese alte Dame. Frau Bennett. Blutjung einen britischen Offizier geheiratet, nach London geflittert, dort verblieben, verwurzelt, später, verwitwet, Schlaganfall, noch ein Schlaganfall, zu spät gefunden, Herzinfarkt, irreversible Schäden, darauf verwiesen nach Deutschland, in die heimatliche Fremde, zu den Verwandten, und von diesen abgeschoben in ein Schwerstpflegeheim. Dort trieb ich mein Unwesen. Von 4.45 bis 12.30 Uhr täglich. Neun Tage in Folge. Zwei frei. Monat für Monat, Jahr für Jahr. Nach dem Frühdienst hetzte ich zur Uni. So ist das eben mit einem Sturkopf und ohne Anspruch auf Bafög, da muss sich frau den Lebensunterhalt zum Studium selbst verdienen.

Himmelpfort

Frau Bennett war bettlägerig. Ganzkörper-gelähmt. Ihr Einzelzimmer in der caritativen Einrichtung schmucklos. Ein Bett. Ein kleiner Tisch. Ein schäbiger Stuhl. Ein Schrank. Blick zur Tür. Nicht zum Fenster. Weil es die überchristliche Stationsschwester nicht gestattete. Ebensowenig jenen Gauguin-Monatskalender, den ich der schöngeistigen Dame aus einer spontanen Laune erstand. Begeistert war sie. Wir suchten den Platz für den Kalender gemeinsam aus als gelte es einem Heiligtum einen entsprechend würdevollen Schrein zu erbauen. Am nächster Tag war er weg. Der Kalender. Und ich beim Heimleiter. Abmahnung. Wegen Verbreitung von Pornographie. Amen. Es sollte nicht die erste und auch nicht die letzte Abmahnung sein. Sturkopf. Sagte ich schon.

Himmelpfort3

Diese Frau Bennett, sie zählte damals sicherlich schon um die 87 Jahre, rief mich an ihr Bett, ergriff mit ihrer linken meine rechte Hand, hielt sie lange, dann seufzte sie tief, lächelte und meinte „Lebe, mein Mädchen, lebe. Nehme alles mit, was sich dir anbietet. Eines Tages wird dir möglicherweise nichts anderes als deine Erinnerungen bleiben.“ Und dann stahl sich ein Tränchen aus ihren Augen, rann die Lebensspuren in ihrem schönen Gesicht herab. Mich hat dieses Erleben sehr berührt und ich habe die Wahrheit dahinter aufgrund meiner Jugend kaum verstanden, aber mit dem Herzen begriffen. Und mich an ihren Ratschlag gehalten.

gitter

Rubrik: Informationen, die kein Schwein interessieren. Aber welches Schwein nutzt schon das Internet und landet auf meinem Blog.

Quelle: Léo Delibes, Lakmé, Duo des fleurs https://www.youtube.com/watch?v=sWGZjhQYT-w

 

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