der Verrat

Die Jahre verrannen. Sie hatten die Illusionen von einander an den harten Klippen der Realität zerrieben. Es waren nur Fragmente geblieben und eben jene Bindung, die sich ergab aus gemeinsamen Zielsetzungen und in Vergessenheit geratenen Träumen. Womöglich wäre es schlauer gewesen, Inventur zu betreiben. Nicht einfach auf den Kufen der Illusionen aneinander gekettet einander fremd zu werden. In den Äonen. Vielleicht hätten sie Halt machen und sich hinterfragen, sich abtasten und ihre Bedürfnisse suchen, festhalten sollen. Wann hatten sie nur aufgehört einander wach zu küssen? Möglicherweise hätten sie insistieren soll. Auf Glück. Beseeltheit. Doch wieviel Mut gehört dazu. Abschied zu nehmen. Von jenen Sehnsüchten, die man in sich trägt, die man tränkt mit dem eigenen Seelenblut in den vielen durchwachten Nächten und durchweinten Tagen, in denen man seine Schutzengel und Dämonen mit inniglichem Flüstern  wieder und wieder beschwört.

Quelle: Reston, https://twitter.com/restot50/media
Quelle: Restot, https://twitter.com/restot50/media

Wie hatte es begonnen? Wann hatte es begonnen? Wie fing es an? Begegnet waren sie sich vor einer Ewigkeit. Blutjung. Damals, als sie noch glaubten unsterblich zu sein. Als sie überzeugt waren, die Welten aus den Angeln heben zu können. Als die Kraft der Jugend sie laufen ließ, hinfort. Hinfort von ihren Vergangenheiten, hinfort von Verlusten, hinfort von Gewalt. In diesem blinden, ungestümen Lauf waren sie aufeinander geprallt. Sie kollidierten und die Schäden des Aufpralls, die sie an und in-einander hinterließen waren gewaltig. Scharfkantige Abgründe, die sich nun verflochten und verbündeten. Sie nannten dies Liebe. Und einen Segen. Sie lachten und weinten und hielten sich an den Händen, um gemeinsam ihre verschmolzenen Leben zu umtanzen, so als seien diese ihr ungeborenes Kind.

Sie nahmen an, angekommen zu sein.

Quelle: Anna Urli-Vernenghi, http://cetairderien.com
Quelle: Anna Urli-Vernenghi, http://cetairderien.com

Sie verkrochen sich. Der eine im anderen. Wie Kinder, die sich die Hände über ihr Gesicht legen und denken, unsichtbar zu sein. So organisierten sie ihre Kernschmelze, ihre verflochtenen Leben. Kontaminiert von einander. Sie waren mittellos. Sie, sie war geflüchtet vor der Enge des Elternhauses, vor einem fest geschriebenen Lebensplan, vor Eindimensionalität, derer sie sich erwehrte. Er, er floh die Mauern, die sich aus imaginären Einschränkungen manifestierten,  die ihm seine Unendlichkeiten auf eine überschaubare, streng regulierte Scholle beschränkten. Er hatte sein junges Leben riskiert der Freiheit Willen. Sie hatte ihres möglicherweise zu diesem Zeitpunkt längst verloren.

So kauerten sie in dem Kohlenkeller ihres Daseins, mit aufgeschürften Knien und Händen, Lumpenleibern an den geschundenen Knochen, entschlossen, zu über-leben. Vom lang anhaltenden, in Fleisch und Blut  widergehakten Hunger so gierig geworden. Die Schwerlast der Erinnerung hatten sie abgestreift, wie zähen Schmutz, den man aus seinem Traumgewebe seziert. Stolz nannten sie den Kohlenkeller ihren Palast. Dort ordneten sie ihre Habseligkeiten. Abend für Abend. Sie zählten das Wenige, was sie akribisch zu sammeln begannen. Sie sammelten, was dieses Moor, als welches sie ihre Gegenwart und Zukunft befanden, begehbar machen würde. Und so erschufen sie einen Weg. Sie rammten die Pfeiler dieses Weges  in Mutter Erdens Leib, nahmen ihr entrüstetes Aufbäumen als Bestätigung. Sie erbauten Pfosten, die bis in Vater Himmel reichten, um zwischen ihm und ihnen ein gläsernes Dach zu entrichten. Und als sie damit fertig waren, erbauten sie Mauern. Mauern so dick, dass kein Außengeräusch sie erreichte, kein Licht sie durchdrang.  Ihre vielen, vergossenen Tränen, jener Fluss, der sie hingeleitet hatte, dort, wo sie sich nun wieder-er-fanden, er verdampfte an der lodernden Hitze ihrer Gier, die sich erspann aus der Dürre des langen Verzichtes. Sie begannen zu zaubern. Und als die Zauber ihrer Hexenschmiede verpufften, da begannen sie zu hexen. Und als auch dieses vollbracht und erschöpft, da evozierten sie ohne zu wissen, da materialisierten sie ohne zu verstehen.

Quelle: Antonio Palmerini , https://www.flickr.com/photos/65776569@N03/26564957850/
Quelle: Antonio Palmerini , https://www.flickr.com/photos/65776569@N03/26564957850/

Auf diese Weise  wurden sie satt und hatten ihre Lumpen gegen Linnen getauscht. Dergestalt streiften sie durch ihren zementierten Palast und vergaßen Zeit und Raum, sie verloren die Orientierung, dort, in dem Käfig, den sie sich entrichteten. Sie erhoben sich aus der Unsichtbarkeit, sie manifestierten sich nach Außen. Sie schufen Abbilder von sich. Groß und imposant. Mächtig und fürchterlich. Bis sie glaubten, an jene anfänglich mit einem Kichern erschaffenen Lügen ihrer Selbst. Sie führten sich ad absurdum. Dort, in ihrem steinernen Gefängnis mit den hohen Zinnen. Die Fenster jene auf die Vergänglichkeit und auf alles, was wird, die hatten sie vergessen. Sie tranken ihr Seelenblut und aßen ihre Träume, sie verdauten alles was war und es blieb die Leere.

So hatten sie Illusionen voneinander schon lange verloren. Waren versteinert in jenen Götzenbildern ihrer Selbst. „Wir haben es geschafft,“ erklärten sie. Dann nickten sie und bestätigten einander und sie wiederholten ihr Mantra in endloser Suggestion. Sie sangen es, bis der Klang ihrer Stimmen ihre letzte Pore erfüllt. Sie hatten es geschafft. Aus der Mittellosigkeit in den Erfolg. Aus der Bedeutungslosigkeit zu Einfluß und Macht. Die leeren, aufgeschürften Hände konnte das viele Gold nicht halten. Die aufgerissenen Münder vermochten das viele Gold nicht zu schlucken. Ihre Leiber begannen sich grotesk auszudehnen unter der Gier, mit der sie alles verschlangen. Ausnahmslos. Sie fraßen ihre Träume von goldenen Tellern, sie zerstachen ihre Sehnsüchte mit silbernen Gabeln, sie vergaßen, dass und wer sie waren.

Quelle: Resa Rot, http://resa-rot.tumblr.com
Quelle: Resa Rot, http://resa-rot.tumblr.com

In all ihrer Gier entging ihnen, wie sich ihre Konturen auflösten, wie sie Stunde um Stunde kontur- und form-loser wurden, bis sie zu einem einheitlichen, grauen Brei verkamen. Einer stinkenden Masse, die sich aus Ekel vor sich selbst abstieß. Jene fanden die Dienstboten vor. Als sie die Flügeltüren öffneten zu dem geheimen Zimmer, in welchen sich Gold und Juwelen türmten. Unten, am Rande der sinnlos gehorteten Reichtümer kringelte sich – einer im Todeskampf zuckenden, geköpften Schlange gleich – eine unscheinbare, undefinierbare graue Masse. Sie wischten sie mit groben Lappen, scheuerten mit Sand und Salz und polierten mit Öl, bis nichts mehr erinnerte. An diese zwei Leben. Deren Gier sie ihrer Selbst beraubt hatte.

Quelle: Eleonora Manca, https://www.facebook.com/people/Eleonora-Manca/
Quelle: Eleonora Manca, https://www.facebook.com/people/Eleonora-Manca/

 

Text-Fragmente, angestoßen durch und anTeil an: Dominik Leitners Projekt „kreatives Schreiben“,

Das fünfte Wort. • *.txt Habseligkeiten

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