Big John und seine Drohnen

Wenn du das lesen kannst, bist du kein dummer Wessi!

Ich erzähle Ihnen jetzt mal etwas. Damit es nicht gewohnt ins Unverständliche ausufert, erlaube ich mir eine kleine, erhellende Skizze beizufügen.

Flurplan2

Sie sehen eine abART Flurplan vor sich. Die bunten Kästen kennzeichnen Grundstücke.

Also… Big John ist ein wenig größenwahnsinnig. Meint: er hat recht viel, aber nie genug. Entsprechend sauer war Big John, als er hörte, dass Lothar ein kleines Gartenhaus mit Sauna gebaut hat, Kim einen Hühnerstall errichtete und Renate reiche Kartoffelernte einfährt. Isso. Hab ich ja garnichts mit zu tuen und beteuere das ausdrücklich auf jeder öffentlichen Dorf-Sitzung, die von unserem kleinen Dörfchen abgehalten wird. Dass ich neutral bin.

Big John ist wirklich big. Der kennt auch nix. Wenn der sauer wird, dann bleibt kein Grashalm stehen. Falls Sie verstehen, was ich meine. Jedenfalls fragte der unlängst, ob er auf unser Grundstück könne. Er hatte sich so lustige kleine Drohnen zugelegt, um mit diesen Lothar, Kim und Renate zu ärgern. Also Stinkbomben abwerfen. Ist ja jetzt nicht sooo schlimm. Außerdem nicht mein Problem. Ich sag ja immer: da halte ich mich raus! Gut, aber wenn Big John schon so fragt… und er sagte von seinem Grundstück aus, kämen die reichweitentechnisch nie bei den Dreien an. Naja, da hab ich halt „Ja“ gesagt. Hach hat der gejauchzt vor Freude. Ist irgendwie besser, wenn man Big John zum Freund und nicht Feind hat. Jedenfalls hat er es sich jetzt in unserem Garten gemütlich gemacht, startet von dort seine Drohnen und schmeißt fröhlich seine Stinkbomben. Ich sag noch „John, halt mich da raus.“ Wahrscheinlich wusste Big John nicht, ob ich noch einen Rückzieher mache, jedenfalls hat er auch Kevin-Schantall überreden können. Die wohnen ja nun vis-a-vis mit Lothar, Kim und Renate. Von dort wirft er keine Stinkbomben, sondern streut Juckpulver. Ist ja jetzt auch nicht sooo schlimm. Nu ja.

Auf der letzten Dorf-Sitzung kam es dann dicke. Renate ist wütend. Ihre ganze Kartoffelernte sei hinüber. Blöd gelaufen. Echt. Tut mir ja auch leid. Irgendwie. Von dem bißchen Juckpulver, pf. Und.. ist das mein Problem? Und dann blökt auch noch der Lothar rum…, er hätte sein Gartenhaus abreißen müssen, der bestialische Gestank sei nicht rauszukriegen. Tz. Schlechte Qualität. Sag ich nur. Und Kim mischt sich ein und behauptet, ein Großteil der Hühner sei eingegangen, außerdem würden die so agro auf Juckpulver. Jedenfalls ein tierisches Theater. Ich hab nur gesagt: „Haltet mich da bloß raus“ und bin gegangen. Ist mir doch zu blöd. Ehrlich mal.

Kommt aber noch blöder. Ich krieg ja hier nur die Hälfte mit. Wie auch immer haben Big John und Lothar und Kim sich ausgesöhnt. Verstehe das auch nicht. Ist aber so. Jetzt wirft Big John von Lothars und Kims Grundstücken Juckpulver. Auf Kevin-Schantalls Grundstück. Wieso? Weil er sauer ist. Kevin-Schantall hat sich Renngurte für seinen Opel Corsa geleistet. Letztens sehe ich Big John mit seinen Drohnen in unserem Garten hantieren. Ich sag noch so, „Mensch, John, die brauchst du doch jetzt gar nicht mehr, ihr habt euch doch versöhnt?“ Mann, hat der mich angeschaut…. Er war kurz davor sauer zu werden. Der Kevin-Schantall hat nämlich die letzten Renngurte, die es überhaupt gibt, gekauft. Erklärte mir Big John ziemlich gepresst, und, dass er ja von irgendwo seine Drohnen auf Kevin-Schantalls Grundstück richten müsste. Mensch, davon wusste ich doch nichts. Also von den Renngurten. Hab Big John auch schnell versichert, dass ich das nicht gutheiße und der Kevin-Schantall bei mir durch sei. Also, wenn man mal ganz ehrlich ist, ist das ja auch das Hinterletzte, oder? Wie kann man denn Big John die Renngurte vor der Nase weg kaufen? Echt mal. Eines sag ich Ihnen: ich gucke Kevin-Schantall nicht mehr mit dem Hinterteil an. Soll der Big John dem Kevin-Schantall mal schön paar ordentliche Stinkbomben von unserem Garten aus schicken.  Big Johns Feinde sind nämlich auch meine Feinde. So ist das. Ich blick halt nicht immer durch, wer Feind oder Freund ist. Aber wenn ich Bescheid weiß, dann weiß ich, wo ich stehe. So ne klare Linie ist wichtig. Für das Miteinander.

Aber jetzt kommt ja erst einmal der Clou! Ich komme letztens vom Einkaufen. Da springt doch der sechsjährige Sohn vom Lothar samt seinen wild-gewordenen Kumpelchen – Lausebengel, ich sag.s Ihnen! – hinter einem Gebüsch hervor und haut mir mit der Schüppe einen drüber. Das wäre die Rache für das zerstörte Gartenhaus. Gehts noch? Die haben doch eh nur Unfug darin angestellt. Und als ich dann Richtung Haustür gehe, werde ich von einem Schwarm hysterischer Hühner angefallen. Die konnten ja nur von Kim kommen. Ich umgehend bei Kim angerufen. Da blökt die mich doch so richtig gehässig an, die hätten alle irgendeinen Dauerschaden von dem Juckpulver und den Stinkbomben und ich könne jetzt schauen, wie ich mit denen klar käme. Und legt auf. Die legt tatsächlich auf. Und ich die ganzen bekloppten Hühner im Garten. Und die sind aggressiv die Viecher, ich sag.s Ihnen! Aber das ernsthaft Allerbescheurtste ist: Unlängst schmeißt so eine Drohne eine Stinkbombe über unserem Haus ab. Über UNSEREM Haus. Das Ding kam von Lothars Grundstück. Hat ihm Big John zur Verfügung gestellt. Na, mit Big John streite ich mich lieber nicht. Aber Lothar kann man die Meinung geigen. Ich also los zum Lothar. Steht er da so doof vor seinem zertrümmerten Gartenhaus und giftet mich an, das wäre erst der Anfang, ich solle mich auf etwas gefasst machen.

Sie werden es nicht glauben, die sind jetzt alle sauer auf MICH. Auf MICH?! Nicht zu fassen. Dabei war ich doch immer die Neutralste von allen. Habe mich aus Allem rausgehalten. Wirklich. Und das ist jetzt der Dank. Sie können sich vorstellen, wie das bei uns drunter und drüber geht. Die Hunde.. und dazu die Hühner. Gestern standen auf einmal noch drei Kühe unter dem Walnussbaum. KÜHE! von Lothar. Hat er geschenkt gekriegt, aber er hat keinen Stall und sein Gartenhaus ist ja auch hinüber. Und heute früh krieg ich einen Anruf von Kim, ihre Perserkatzen seien nun krank, Juckpulver-Allergie. Also hat man so etwas schon gehört. Die schickt sie mir heute nachmittag rüber. Die Perserkatzen. Ich mein, das ist schon allerhand, oder?

Gut, bei den Hühnern hatte ich ja noch ein bisschen Verständnis und habe gesagt: „Leute, haltet mich da raus, aber okay, ja, wir haben eh drei Hunde, dann kommt es auf paar Hühner nicht an. Das schaffen wir.“ Aber jetzt die Kühe und dann noch die Perserkatzen. Wo soll das enden? Und es weiß doch jeder, dass sich Katzen und Hunde nicht verstehen und mit Agro-Hühnern doch sowieso nicht. Morgen will mir Kevin-Schantall seine Gören ins Haus schicken. Eine Stinkbombe hat sein Hausdach zerstört und es regnet in die Kinderzimmer.  Ja und? Sind das meine Kinder? Nein, antwortet mir Kevin-Schantall noch ganz frech, aber die Drohne wäre schließlich von meinem Grundstück gekommen. Ist ja wohl das Hinterletzte.

Lothar – das macht der doch nur aus Gehässigkeit – wird seine Schafsherde rübertreiben, die sonst bei ihm überwintert hat. Geht nicht mehr. Sagt Lothar. Sein Grundstück wäre verseucht. Ja, ist das denn mein Problem? Und alles nur, weil die dämlichen Stinkbomben von meinem Grundstück kommen.“ Ja, aber ich hab die doch nicht geschmissen“, sag ich noch. Krieg ich doch die Antwort: ich hätte den ja nicht drauf lassen müssen. Auf unser Grundstück. Hallo? Aber selber sind die jetzt ganz dicke mit Big John. Ich hab mir dann Mut angetrunken und bei Big John angerufen. Himmel, war ich aufgeregt, mir ist ja glatt die Stimme weggekippt. Aber dann habe ich mir ein Herz gefasst und gesagt, ob er mir nicht helfen könnte. Es wären alle sauer auf mich, weil er die doofen Stinkbomben von unserem Grundstück aus verschickt hat. Und dass die ganzen Hühner und Schafe und Perserkatzen und Kühe und Kinder und mein Mann und ich und die Hunde und das Pubertier keinen Platz mehr haben. Da lacht der laut und schallend und im Hintergrund habe ich Lothars Lachen vernommen. Lothars! Sein blödes Geckern ist unverwechselbar. Ich fasse es nicht…

…und weiß nicht mehr, wo mir der Kopf steht. Ungünstigerweise hatte ich mich vor Jahren dazu bereit erklärt, Big Johns schmutzige Wäsche zu waschen. Berge sind das. Berge! Wo soll ich die denn hinhängen? Im Garten ist kein Platz mehr.

 Und wissen Sie überhaupt noch, wer hier auf wen sauer ist? Ich auch nicht. Ständig läuft man Gefahr, in ein Fettnäpfchen zu treten. Ich hab bei den Feindbildern den Überblick verloren. Und die Schafe und Kühe und Hühner müssen weg. Die Perserkatzen auch. Und die Bengel vom Lothar erst mal recht. Ich weiß zwar noch nicht wohin, aber mittlerweile sind mein Mann, die Hunde und das Pubertier auch noch sauer auf mich. Die behaupten, ich würde mich mehr um Lothars Kühe, Kims Hühner und Kevin-Schantalls Hasenzucht als um sie kümmern. Also die haben doch alle nicht mehr alle Latten am Zaun. Und  ich verstehe noch immer nicht, warum nun alle auf mich sauer sind. Das hat man nun von seiner Gutmütigkeit, schamlos ausgenutzt.

Und ich habe so den bösen Verdacht, wenn es hart auf hart kommt, kann ich auf Big John nicht zählen. Mein Mann meinte ja letztens, ob Big John das mit den Hühnern und Schafen und Kühen und Perserkatzen und Nachbarsrüpeln und Hasen angezettelt hätte, um uns zu vertreiben. Das wäre ja allerhand. Unsere Weinstöcke sind nämlich viel reichhaltiger als die seinen. Und der Walnussbaum ist ebenfalls einzigartig. Also langsam wird mir das wirklich alles zu bunt.

…………………

Als ich im Reha-Verlauf ein Taxi bemühen musste, hielt mir, als ich bezahlt hatte, ein Taxifahrer einen Zettel unter die kurz geratene Nase mit folgender Aufschrift:

dooferWessi

Ich starrte anscheinend einen Moment zu lange auf den Zettel, denn der Taxifahrer fing schon schmierig an zu grinsen. Sein Doppelkinn bebte in freudiger Gehässigkeit, dass sich die Bartstoppeln hoben und senkten. „Wenn du das lesen kannst, bist du kein dummer Wessi.“ übersetzte ich artig. Da traten ihm kurz die Äuglein vor und dann lachte er schallend, schlug mir noch jovial auf eine Schulter und lachte noch lauter. Er lachte so laut und schallend, dass das Lachen in einen Hustenanfall überging. Als ich die Tür des Taxis nach dem Aussteigen schloß, sah ich noch, wie er anerkennend einen Daumen nach Oben streckte. Das Husten hörte ich, bis ich um die Ecke bog. Ich besuchte ein humanistisches Gymnasium. Wir starteten mit Englisch, es folgte in der siebten Klasse Latein. In der neunten Klasse konnte man wählen zwischen Französisch, Griechisch und Russisch. Ich wählte Russisch. Glaubte, Französisch sei mit Großem Latinum später bei Bedarf leicht zu erlernen. Meine Lehranstalt befand sich in Bergisch-Gladbach in der Nähe von Köln.

So wird das nichts. Wenn die äußerlich nieder gerissenen Mauern in Kopf und Herz wie Heiligtümer gehütet werden. Weder mit Kühen, noch mit Schafen.

Verstehense nicht?

Ich auch nicht.

Anmerk. d. Red.: Sachen gibt.s, die gibt es nicht. Parallel zu dem meinem erschien in weltbestem Heinrichs lesenswerter Blogstube ebenfalls ein Beitrag, der sich dem Thema Drohnen widmet. Klar, flüssig, verständlich und unterhaltsam beschrieben,  =>  https://heinrich11.wordpress.com/2016/01/20/spielzeug-werkzeug-oder-waffe/

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